Kritik: Wenig Text mit starken Bildern bei “Philoktet” aus München (August Everding)

Szenenbild Philoktet

© Krafft Angerer

Crying at the discothèque

Sapir Heller destilliert aus der antiken “Philoktet”-Geschichte ein Gruselkabinett der Kriegsschrecken – eindringlich und lange nachhallend.

Acht Seiten. Auf knappe acht Seiten hat die Regisseurin Sapir Heller den Text des antiken “Philoktet”-Dramas eingedampft. Leichte Zweifel bei der Lektüre des Textbuchs – wie soll derart knapp, derart stilisiert der Philoktetes-Mythos erzählt werden? Nach wenigen Augenblicken wird klar: der Mythos wird nicht erzählt – und muss auch nicht erzählt werden. Denn Sapir Heller von der Münchner Theaterakademie nimmt das antike Drama als Assoziationsraum und als Motiv-Fundus – ein sehr eindringlicher Ausgangspunkt für ihre lautstarke Meditation über Krieg und Einsamkeit, über Zugehörigkeit und Ausgestoßensein, über Entmenschlichung und das Wiederfinden der Sprache.

Dass diese doch sehr kühne Transferleistung aufgeht, ist in erster Linie den starken Bildern zu verdanken, die Sapir Heller in ihrer Inszenierung kreiert – und in zweiter Linie einer bemerkenswerten Ensembleleistung geschuldet. Philoktet, der fußlahme Held, der nach einem Schlangenbiss zum Invaliden wird und wegen seiner schwärenden, stinkenden Wunde am Fuß auf eine Insel verbannt wird, muss reaktiviert werden, weil eine Prophezeihung voraussagt, dass nur durch die Mitwirkung Philoktets der Trojanische Krieg gewonnen werden kann. Der hatte sich jedoch geschworen, nie wieder auf der Seite der Griechen anzutreten, die ihn einst so sehr im Stich gelassen hatten.

Sapir Heller reduziert den Mythos auf eingängige Motive und packende Bilder – Philoktet, der mit seiner nässenden Fußwunde an einem Poller festgebunden ist und sich verzweifelt im Kreis bewegt, stolpert, fällt, aufsteht: diese Figur durchleidet die gesamte Skala zwischen Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Derweil tobt die Mechanik der Kriegsmaschinerie um ihn herum, zu straffen Rhythmen ziehen die Soldaten in Formationen über die Bühne. Der zackige Drive der Aufführung schafft ein ganz eigenes Zeitgefühl – und eine ganz besondere Tiefe und Intensität.

Einen Gegenwartsbezug erhält die Inszenierung unter anderem durch eine “Werbepause”, in der Werbevideos von Armeen gezeigt werden – unter anderem gut abgehangene Ware vom österreichischen Bundesheer.

Das Ganze sieht ein wenig so aus, als hätte der Ausstatter der “Raumpatrouille Orion” ein wenig zu sehr vom Crystal Meth genascht – was aber vorzüglich mit dem Tempo der Inszenierung und der Wucht der Bilder korrespondiert. Der Text – ein Amalgam von Sophokles- und Heiner-Müller-Texten – wird gestammelt, geschrien, verkündet, nach Art einer Psalmodie zelebriert. Dass die Persiflage von Bühnen-Marotten wie die ewige Konsonantenspuckerei genau ein einziges Mal witzig ist und danach einfach nur nervt: geschenkt.

Insgesamt ein starker, bildmächtiger Theater-Abend – nicht zuletzt deswegen, weil Sapir Heller den Mut hatte, den antiken Mythos zu entkernen und in Bilder zu übersetzen, die lange nachhallen.

Die “Körber Studio Junge Regie”-Tasche

Körber Studio Baumwolltasche | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Trage sie mit Stolz – anderswo!

 

Zu den markantesten Requisiten des Festivals gehört eine schöne, wertige Baumwolltasche mit dem Schriftzug des Festivals in markanter Thalia-Typographie. Allerdings: man sollte sie zu tragen wissen. Wir geben Hinweise.

 

Eines vorweg: es ist eine richtig schöne Tasche, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer da ausgehändigt bekamen. Sie macht was her, der Baumwollstoff signalisiert Wertigkeit. Und der Schriftzug des Festivals, der in der markanten Typographie des Thalia-Theaters mitsamt der huihuihui-eigenwilligen Umbrüche gehalten ist, vermittelt Zugehörigkeit zur großen Theater-Familie. Das ist beglückend.

Allerdings – und nun kommen wir zum unangenehmen Teil – gibt es eine immerwährende Cooless-Regel, und die besagt:Trage niemals das Giveaway bei der Veranstaltung selbst!

 

Körber Studio Baumwolltasche | © Krafft Angerer

Wird gerne beim Festival getragen: Die KSJR-Baumwolltasche

© Krafft Angerer

 

Konkret bedeutet das: die “Körber Studio Junge Regie”-Tasche darf beim Workshop in Regensburg, bei den Autorentheatertagen in Schlagmichtot, ja sogar beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt getragen werden, mit proud and passion – nur an einem Ort der Welt nicht: beim Körber Studio Junge Regie. Und auch nicht im Drumherum. In dem kleinen Asia-Imbiss in der Bahrenfelder Straße hat die Tasche ebenso wenig verloren wie in dem Inder in der Völkersstraße.

Denn das ist ungefähr so bescheuert, wie im Kreuzberg-T-Shirt durch Kreuzberg zu laufen. Oder mit der Berlinale-Tasche über die Berlinale zu stolzieren. Liebe Regie-Hoffnungen, nochmal zum mitschreiben: DAS-TUT-MAN-NICHT!

Danke für’s Berücksichtigen. Gern geschehen.

Kritik: “Gier” von Isabella Roumiantsev überzeugt mit klarer Linie

Szene aus "Gier" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Die Vermessung der Einsamkeit

Weniger ist mehr: mit einer fokussierten Sicht auf Sarah Kanes “Gier” hat Isabella Roumiantsev von der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst eine bemerkenswerte Inszenierung abgeliefert.

“Gier” – von den fünf Stücken der britischen Dramatikerin ist dieses Werk dasjenige, das seine Botschaften am rhapsodischsten, assoziationsfreudigsten präsentiert. Ein Text-Knäuel, in dem Zitate, Paraphrasen, Geplapper und Assoziationsfetzen virtuos miteinander verwoben sind. Personen im eigentlichen Wortsinn gibt es nicht – es ist eher eine Art Wort-Partitur für vier Stimmen, die mit den Buchstaben A, B, C und M bezeichnet sind. Eine wortgewaltige Vermessung eines Feldes zwischen Selbstannahme und Ablehnung, zwischen Annäherung und Abstoßung, zwischen Verzweiflung und milder Zuversicht. Ein Text, durchdrungen von Hoffnungslosigkeit und gezeichnet von einem Pessimismus, die jedes noch so zarte Aufflammen von Zuversicht erstickt.

Isabella Roumiantsev hat für ihren Beitrag beim diesjährigen Körber Studio Junge Regie einen Zugang gewählt, der schlackenlos auf alle Dekoration und alles Beiwerk verzichtet, und der sich einerseits an die inhaltlichen Kerne von Sarah Kanes Text, aber auch an den musikalisch-rhythmisierten Gehalt der Sprache heranwagt. Das Resultat ist eine bemerkenswert konzentrierte Annäherung an Kanes’ Assoziations-Gebilde; Isabella Roumiantsev erschließt sich den Stoff durch das straffe Herausarbeiten der Struktur, und durch die beeindruckende Rhythmisierung der Sprachmelodie. Auch wenn das Timing bei der Aufführung streckenweise etwas wackelte, so ist doch eine Inszenierung entstanden, die mit einem konzentrierten Repertoire an dramatischen Mitteln ein eindringliches Seh-Erlebnis schafft.

 

 

Vier Autositze, auf der Bühne verstreut, vier Autoreifen, zur Säule gestapelt, dazu eine Bühne, die übersät ist mit Glassplittern (Bühnenbild / Kostüm: Robert Sievert): in diesem kargen Environment lässt Isabella Roumiantsev ihre vier Stimmen suchen, wüten, fragen, hoffen, resignieren. Sie strukturiert den schier nie versiegenden Textfluss von Sarah Kanes Stück systematisch durch, trennt die Episoden durch Dunkelheit, das von Techno-Gewummer begleitet wird, und variiert die Konstellationen der vier Protagonisten, die sich mit sparsamer Gestik und Zeichengebung auf die Rhythmik und die Sprachmelodie der Textvorlage konzentrieren. Das klingt – dem ersten Anschein nach – minimalistisch, verleiht dem Stück jedoch genau dadurch jenen fokussierten Wumms, der Kanes Tableaus der Verzweiflung so überaus eindringlich machen.

Überhaupt – und das lässt sich nach nunmehr drei Festival-Tagen sagen – scheint in der Selbstbeschränkung der Schlüssel zur Intensität zu liegen. Mannigfaltiger Budenzauber, possierliches dramatisches Tischfeuerwerk: das war nun mehrfach zu erleben beim Körber Studio Junge Regie, und so frappierend die Bildwirkungen und Effekte auch gewesen sein mögen, die diese turbulenten Regie-Handschriften auszeichnen, so waren es jene stillen, eindringlichen Theater-Momente, die für die magischen Momente dieses Festivals gesorgt haben.

Live-Kritik: “Gier” aus Frankfurt

Verzweifeln, wüten und nach Sinn suchen

Isabella Roumiantsev hat sich an ein Stück von Sarah Kane gewagt. Die Frankfurter Regisseurin hat die zusammenhangslosen Texte und undefinierten Charaktere in einer rythmischen Inszenierung umgesetzt. Holger Hettinger “fand’s richtig toll”.

Kommentar: Holger Hettinger
Kamera: Angela Ölscher
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Kommentar zum Festivalstart KSJR 2014

KSJR_Festivalzentrum

Von Konzentration auf Ölfässern

Abseits der üblichen Verdächtigen kann man bei Körber Studio Junge Regie  frische und unverbrauchte Regisseure erleben, die einem gut, toll oder auf fragwürdige Weise ihre künstlerische Sichtweise näher bringen.

Wenn ich einen Moment benennen müsste, in dem für mich die Essenz des “Körber Studios Junge Regie” (Twitter: #ksjr) aufbewahrt ist, dann würde ich mich für ein Bild entscheiden, das ich noch ganz genau vor Augen habe: wie ich zusammen mit einem Kollegen aus München mit diversen Bierflaschen die Personenanordnung von Malte C. Lachmanns Inszenierung der “Schwarzen Jungfrauen” auf einem leeren Ölfass vor dem Thalia Gaußstraße nachstelle. In diesem Augenblick war alles da: der Ernst und die Vertiefung, das Mitreißende und Diskussionsanregende – und die Leidenschaft, die auch gerne mal von dem einen oder anderen Pils zusätzliche Nahrung bekommen darf.

Man ist immer schnell bei der Hand, wenn man einer Veranstaltung das Attribut “einzigartig” umhängt. Und doch: das KSJR ist hinsichtlich seiner programmatischen Ausrichtung und seiner Vielfalt der Theater-Handschriften, hinsichtlich seiner ästhetischen Varianz und – nicht zuletzt – hinsichtlich seiner entspannten, gelösten, dialogorientierten Atmosphäre einzigartig im Theaterbetrieb. Festivals haben die Eigenschaft, ihre Programmpunkte sequentiell zu zeigen: Aufführung A beendet, prima, weiter geht’s mit Aufführung B. Der Vergleich ist möglich, geht aber oft unter in der Fülle der Angebote. Umso schöner, dass beim Körber Studio Junge Regie so viel unternommen wird, um zu verhindern, dass es bei einer wohlfeilen Abfolge einzelner Theaterstücke bleibt. Die konzentrierte Arbeitsatmosphäre der “Tischgespräche”, der spontane Austausch von ganz frischen Seheindrücken bei den Publikumsgesprächen, der Blick in den Maschinenraum bei der öffentlichen Jurysitzung und die vielen Gelegenheiten, sich im informellen Rahmen über Gesehenes und Erlebtes auszutauschen: all das macht dieses Festival so wertvoll.

Journalistisch ist das KSJR für mich so bemerkenswert, weil ich hier die Möglichkeit habe, die künstlerischen Handschriften von jungen Theatermachern unter professionellen Bedingungen zu erleben, die die nimmermüde Mannschaft des Thalia-Theaters ermöglicht. Man nimmt es sich ja immer wieder vor als Journalist, doch mehr zu reisen, mehr zu sehen, an entlegene Theaterspielorte zu gehen und dem Trend-Geflüster der Kritikerkollegen hinterherzureisen. Und nicht immer nur beim Theatertreffen die Parade der üblichen Verdächtigen abzunehmen. Aber zu diesen neugiergetriebenen Expeditionen kommt es dann doch nie. Wie schön, auf diese Weise zu entdecken, welche Talente sich an unseren Regie-Hochschulen tummeln.

Und obwohl das Programm des Festivals mit 12 Inszenierungen ausgesprochen stramm ist, hat man doch die Möglichkeit, seine Favoriten auf die Watchlist zu setzen. So kommt es, das man die Arbeit junger Regisseurinnen und Regisseure, die man beim Körber Studio Junge Regie erlebt hat, journalistisch systematisch weiterverfolgt. So verdanke ich dem oben bereits erwähnten Malte C. Lachmann einen ebenso messerscharfen wie vergnüglichen Theaterabend in Hannover, wo ich seine Arbeit “Süd Park” für Deutschlandradio Kultur besprochen habe.

Fünf Tage, zwölf Aufführungen. Und unzählige Überraschungen, besondere Momente, kühne Konzepte, die diskutiert werden wollen. Wie gut, dass es nun losgeht. Mögen die Spiele beginnen. Ölfässer und Bierflaschen sind ja reichlich vorhanden.

Es geht wieder los

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Sechs Tage lang Theater pur

Sechs Tage mit je zwei Aufführungen, dazu Begegnungen mit jungen Theatermachern, Dozenten, Schauspielern, ein leidenschaftlicher Austausch zwischen Publikum und Akteuren: keine Frage, auch das diesjährige Körber Studio Junge Regie wird zeigen, wie leidenschaftlich, positionsstark und eindrucksvoll zeitgenössisches Theater sein kann.

Pauschale Vorab-Lobhudelei? Nö. Eher ein Erwahrungswert, gemischt mit Vorfreude auf die unterschiedlichsten Theater-Handschriften. Die Bilder vom letzten Jahr sind noch sehr präsent: die “Schwarzen Jungfrauen”, ebenso unverschämt wie eindrucksvoll gegen den Strich gebürstet. Eine eindringliche Annäherung an “Nora”. Ein “Clavigo”, der nichts ausgelassen hat, was sich im Regie-Besteckkasten der letzten Jahre so alles angesammelt hat. Stoff zum Diskutieren, zum Schwärmen, zum Streiten.

Das wird in diesem Jahr nicht viel anders sein. Schon das Durchblättern des Programm-Flyers macht Lust auf die Aufführungen des diesjährigen Körber-Jahrgangs. Klassiker von Shakespeare und Dostojewskij, ein Stück der Theater-Berserkerin Sarah Kane, zweimal Jelinek (1,2), dazu Eugene O’Neill: alleine dieses Spektrum ist beeindruckend. Wie werden die jungen Regisseure das Feld zwischen klassischem Theaterstoff und tagespolitischer Implikation bespielen? Welche Bilder, Zugänge und Zwischentöne werden sie finden für wohlbekannte Stoffe? Welche Positionen werden sie entwickeln bei Projekten, die sich auf ihre persönliche Gegenwart beziehen? Wie werden große Themen der Gegenwart wie Arabellion, Finanz- und Bankenkrise, Europa-Friktionen auf der Bühne des Thalia Gausstraße verhandelt?

Das Körber Studio Junge Regie ist und war auch immer ein Ort des Austauschs – eine Institution, die durch den Diskurs Positionen verdeutlicht hat. Die Leidenschaft, mit der bei den “Tischgesprächen” Theater verhandelt wird, oder die Tiefe, mit der bei den Publikumsgesprächen unter der kenntnisreichen Leitung von Dr. Barbara Müller-Wesemann der Dialog zwischen Theatermachern und Publikum gestaltet wurde, hat das Körber Studio Junge Regie geprägt als ein Gipfeltreffen des zeitgenössischen Theaters.

Wir freuen uns darauf, uns überraschen zu lassen, faszinieren zu lassen, ärgern zu lassen. Zwei Produktionen am Tag – das ist selbst für gestandene Althauer der Theaterkritik eine stramme Schlagzahl. Wir werden das Geschehen journalistisch begleiten, werden versuchen, Schritt zu halten mit all dem, was sich in der Gausstraße an wimmelndem Theaterleben entfaltet.

Mögen die Spiele beginnen!