Das Körber Studio Junge Regie 2013

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Rückschau auf sechs Tage Theater pur

Sechs Tage mit je zwei Aufführungen, dazu Begegnungen mit jungen Theatermachern, Dozenten, Schauspielern, ein leidenschaftlicher Austausch zwischen Publikum und Akteuren: Das Körber Studio Junge Regie feierte 2013 seinen zehnten Geburtstag.

Klassiker von Shakespeare und Dostojewskij, ein Stück der Theater-Berserkerin Sarah Kane, zweimal Jelinek (1,2), dazu Eugene O’Neill: Dem Publikum wurde ein beeindruckend großes Spekturum geboten. Wohlbekannte klassische Stoffe wurden mit den großen Themen der Gegenwart, wie der Arabellion, oder der Finanz- und Bankenkrise verknüpft.

Wir laden euch ein, noch einmal die Höhepunkte des zehnten Körber Studios Junge Regie mitzuerleben. Wählt einfach unten ein Format oder eine Stadt aus und ihr seht alle passenden Beiträge.

Viel Spaß beim Stöbern!

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Interview mit Felix Meyer-Christian

Ein ehemaliger Teilnehmer resümiert

Felix Meyer-Christian war 2012 Teilnehmer des Körber Studio Junge Regie. In diesem Jahr genießt er seine Zuschauerrolle. Seine eigene Produktion von Kleists “Kohlhaas” würde heute natürlich ganz anders machen, aber er ist trotzdem zufrieden mit seinem letztjährigen Beitrag.

Interview: Holger Hettinger
Kamera/ Schnitt: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: „Kamerasow – eine Beichte“ aus Wien

Wichtig. Ungeheuerlich. Unfassbar. Dostojewskij.

Eigentlich  sei es ein absolut vermessener Anspruch, Karamasow in einer Stunde anzugehen, doch Regisseur Josua Rösing hat einfach nur gespielt, was ihm selbst wichtig war. Die Hauptfigur Aljoscha? Kommt nicht vor. Die Geschichte vom Großinquisitor? Gestrichen. Das, so befindet die Jury, habe sich als sehr intensiv erweisen.

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angela_oelscher2Angela Ölscher

Jahrgang 1990, hat in diesem Frühjahr ihren B.A. in Kulturjournalismus gemacht. Wenn sie nicht zu viel Zeit mit Serien und Filmen verbringt, schreibt und dreht sie für verschiedene Online-Medien.

Gießen gewinnt das Körber Studio Junge Regie 2013

Szenenbild Gießen

Gießen räumt ab!

Die Entscheidung ist gefallen: “Der souveräne Mensch” aus Gießen gewinnt  das Körber Studio Junge Regie 2013. Das verkündete soeben Barbara Burckardt auf der öffentlichen Jurysitzung im Thalia Theater Hamburg.

Zur Begründung nannte die Jury, dass es dem Team aus Gießen gelungen sei, einen theoretischen Essay über die Herstellung und Aufrechterhaltung von Souveränität auf die Bühne zu bringen. Dabei haben Arnita Jaunsubrena, Lea Schneider und Kim Willems auf trockenes Theorietheater verzichtet und – im Gegenteil – ein sinnliches Theatererlebnis geboten.

Auch dem Publikum gefiel die Inszenierung aus Gießen am Besten. Damit gewinnt das Ensemble sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis des Körber Studios Junge Regie 2013.

>> Die Aufführug aus Gießen auf der Website des Thalia-Theaters
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>> Die Pressemitteilung auf der Website der Körber-Stiftung

Kritik: Sarah Klöfer bastelt sich mit “Rodogune. Verkehrte Welt” ihre eigene kleine Märchenwelt

Rodogune. Verkehrte Welt

Weil ich ein Mädchen bin!

Ob Traumwelt oder Wirklichkeit, das hängt einzig und allein von Gala Winters Rocklänge ab. Auf Kniehöhe gerafft steht dort Alice, das Mädchen aus dem Wunderland. Das schwere weiße Spitzenkleid fällt bis auf den Boden, wenn aus ihr wieder die persische Prinzessin Rodogune wird. Aus zwei mach eins! Sarah Klöfer puzzelt sich ihre eigene kleine Märchenwelt zusammen: bunt, fröhlich, süß. Alles ist weiblich, verspielt, dabei nie tiefgründig oder anregend.

„Be prepared“, bellt Anne Bontemps dem Publikum entgegen: Hier kommt die Königin! Cleopatra, Herzkönigin, egal. Sie keift, ist garstig und intrigant. Will in jedem Fall dieses lästige kleine Mädchen loswerden, das da durch ihre Welt hüpft. Mit ihren abgehakten Bewegungen und der allzu überdeutlichen Mimik sieht sie tatsächlich zum Fürchten aus, ganz wie ihr Disney-Vorbild Scar, dessen Lied aus ihr herausbricht.

Gesungen wird hier generell viel: Der König der Löwen, Alicia Keys, Adele, Beirut, Placebo. Bekannte Popsongs, die gehen ins Ohr, das zieht. Oder sollen sie zumindest. Florian Lenz und Ian McMillan schmachten die Rodogune-Alice-Verschmelzung mit ihrer Interpretation von „Girl on fire“ an, während sie bettelnd zu ihren Füßen knien. Die zwei Männer spielen die Zwillingssöhne der Königin, werden von der Mutter unterdrückt, kontrolliert, manipuliert. Dabei wollen sie einfach nur lieben. Oder vielleicht einfach nur ungestört ein Liedchen zu Ende singen.

Neben der unter dem Tourette-Syndrom leidenden Grinsekatze, die sich um den Körper von Agnes Jaworek windet, und dem von Florina Lenz etwas grenzdebil karikierten Thronfolger, bezaubert Ian McMillan, sobald er die Bühne betritt. Ob als Geköpfter, der eine faszinierende Version von „Every me and every you“ zum Besten gibt, oder als liebestoller Prinz – er überstrahlt sogar den goldenen Glitter-Regen, der die Inszenierung ins richtige Märchenlicht duscht. In dieser verrückten Welt würde man sich gerne nur auf ihn konzentrieren. Oder auf die wunderbaren Kostüme von Claudio Pohle, die einmal in königlichen Farben leuchten, dann dunkel und geheimnisvoll wirken. Oder auf die originelle musikalische Untermalung von Fridtjof Bundel und Martin Münzberg, die das Phantastische, das Unwirkliche unterstreicht. Oder auf die schön eingesetzte Video-Projektion, bei der weiße Silhouetten die verkehrte Welt auf der Bühne wiedergeben. All das lenkt wunderbar von dem eigentlichen kunterbunten Geschehen ab, bei dem zwar viel geredet, aber nichts vermittelt wird.

Bei “Rodogune. Verkehrte Welt” stehen offensichtlich die weiblichen Figuren im Mittelpunkt, die Männer dienen als bloße Dekoration oder wahlweise als Juke-Box. Besonders machtvoll sind jedoch weder die Königin noch das blasse Mädchen. Beide taumeln durch ihre Welten, getrieben von ihrer Gier nach Macht. Am Ende steht da die Wunderland-Rodogune mit ihrer Krone in der Hand, im Zentrum der Bühne, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Und doch wirkt sie nicht wie eine Respekt einflößende Frau. Eher wie ein kleines Kind, das endlich die neueste Hello-Kitty-Puppe bekommen hat, die sie sich schon seit Jahren wünscht. Um sie herum glitzert alles. Wie putzig.

Kritik: Clara Hinterberger vertont Elfriede Jelineks “Kein Licht”

kein_licht2Wie Natur klingt, wenn sie verreckt

Clara Hinterberger stellt die Wahrnehmungsfähigkeit ihres Publikums auf die Probe

Wie es nach dem Fallout aussieht – das kennen wir aus Filmen, PC-Spielen, Büchern, sogar von den Fernsehaufnahmen aus Tschernobyl. Doch wie Natur klingt, die verreckt, dafür gibt es kaum Bezüge. Elfriede Jelinek schrieb 2011 über Fukushima, das japanische Atomkraftwerk, in dem es infolge eines schweren Erdbebens zu Störungen kam. Sie konzentrierte sich auf Musik in der Welt des GAUs.

Regisseurin Clara Hinterberger nahm den Text beim Wort und inszenierte eine apokalyptische Akustik. Auf der Bühne wuchern drei weiße Plastikballons, die Wände sind sporadisch mit Vorhängen aus demselben Material verdeckt, steril und kalt, dennoch unwirklich und phantastisch: die Quarantäne eines verseuchten Gebiets. Doch schon die Windmaschinen des Bühnenbilds machen industrielle Geräusche. Zusätzlich tönt mal ein Maschinensurren aus den Lautsprechern, mal ein Summen – Bienen? Hier? – dann ein Ticken, es wird schneller. „Musik ist Zeit und die haben wir nicht mehr.“ Zeit, Halbzeit, Halbwertszeit: Hanna von Gutzeit und Belá Milan Uhrlau sprechen Jelineks Text, mal mit Mikrophon, mal ohne. Mal begleitet das Wortstakkato der einen Stimme den emphatischen Vortrag der anderen. Dann wechseln sie sich gegenseitig ab. Dazu tanzt eine Frau. Sie tanzt, wie nur in einer musiklosen Welt getanzt wird, und versucht den ganzen Raum auszufüllen. Es sieht so aus als wirkte nicht nur die Gravitationskraft auf sie, als würde ihr Körper neuen physikalischen Gesetzen gehorchen. Denn die Natur funktioniert nicht mehr so, wie wir es von ihr kennen. Die Bewegungen der Tänzerin klingen, sie spielt mit Luftballons, die quietschen und furzen. Ein irritierendes Spiel mit Geräuschen. Aber die Türen sind offen: Von draußen ist, mal lauter, mal leiser, das zu hören, was wir kennen, womit wir uns wohlfühlen – Musik, ganz fern. Später näher, denn das Trio zieht in den Backstagebereich. Dazwischen pfeift es aus einer Gieskanne, dann häufen sich die Metronome auf der Bühne, die mit einem Schlag verstummen, und den Schallraum freigeben für den Choralsgesang der Schauspieler.

Schließlich erscheint auf dem größten Ballon ein Film. Er zeigt die Schauspieler in einer gesünder wirkenden Welt, in der sie zueinander in Beziehung treten. Auf der Bühne gibt es sie gar nicht. Von allen Seiten treffen Eindrücke auf alle Sinne – selbst Wein gab es vor der Vorstellung zu trinken. In immer zunehmendem Maß führt die Inszenierung dem Zuschauer vor, wie selektiv er nur wahrnehmen kann. Wenn am Ende auch die Sprache zerfällt, die Schauspieler nur noch Laute von sich geben, weiß man, warum Niklas Luhmann von Komplexitätsreduktion spricht. In unserer Welt funktioniert sie, Musik ist dafür ein gutes Beispiel. Nach dem Zusammenbruch kommt alles anders.

Interview mit Agnes Hansch: Gewinnerin des KSJR 2004

Vom sich selbst finden

Auch wenn Agnes Hansch nicht beim Theater geblieben ist, so hat das Theater sie doch stark geprägt. Heute ist sie eine starke Frau, die weiß, was die wichtigen Dinge im Leben sind.

Agnes Hansch Kopie

1. War Regisseurin schon als Kind dein Traumberuf?
Nein, da wollte ich Schriftstellerin werden.

2. Was war das erste Theaterstück, das du gesehen hast?
Ich glaube, in Bayern der “gogolori” in einer Aufführung in einem kleinen Theater in Rosenheim. Ich erinnere mich nur noch an den Knalleffekt als er zauberte.

3. Was hast du in dem Moment gefühlt als klar wurde, dass du beim Körber Studio Junge Regie 2004 gewonnen hast?
Ich war, ehrlich gesagt, sehr verwirrt. Wenige Stunden zuvor hatte ich erfahren, dass ich schwanger war, und hatte auch noch Premiere mit der Dreigroschenoper als Assistentin, im Staatsschauspiel Dresden. Das war alles ein bisschen viel, und es war auch schade, dass ich nicht selbst in Hamburg sein konnte, wegen der Premiere in Dresden. Somit habe ich von der ganzen Aufregung nur per Telefon erfahren und es zuerst nicht wirklich geglaubt.

4. Welchen gewinnbringenden Nutzen hattest du fortan mit dem Sieg in der Tasche?
Ich habe den “gewinnbringenden Nutzen” zu der Zeit erst mal gar nicht genutzt. Zuerst brachte ich zwei Kinder zur Welt und war mit mir selbst noch auf der Suche, wohin es wirklich gehen soll. Ich habe zu der damaligen Zeit nicht verstanden, den Nutzen einzusetzen. Später konnte ich dann aber mit dem Geld noch zwei Inszenierungen mit finanzieren und so meine Ideen umsetzen. Eine im Theater unterm Dach (“Queen Mom”) und eine am Maxim Gorki Theater (“Post Porn Poetry”), beide mit einer freien Gruppe, die ich gegründet hatte.

5. Wohin hat es dich nach dem Festival verschlagen, was machst du aktuell beruflich?
Ich bin zurück nach Berlin. Ich brauchte Zeit, mich neu zu orientieren. Auch nach der intensiven Zeit an der Ernst Busch. Danach entschloss ich mich, die Ausbildung zur Grinberg Praktikerin zu machen und arbeite jetzt in diesem Beruf frei in Berlin. Es macht mich sehr glücklich und zufrieden. In diesem Beruf habe ich genau das, was ich am Theater so schätzte: eine intensive Zeit mit anderen Menschen, Nähe, Direktheit, Veränderung, neues Denken, etwas gemeinsam erforschen. Aber ich habe all das ohne den Stress drumherum ;-).

Kritik: Simina German aus Essen zeigt eine Hochglanzversion von “Phaidras Liebe”

Phaidras Liebe2

Oversexed and overfucked

Simina German inszeniert Sarah Kane mit einer umwerfenden Ästhetik

Wenn Hippolytos einen Blowjob bekommt, erst von der Stiefmutter, dann vom Pfaffen, wenden ausnahmsweise die handelnden Figuren dem Publikum den Rücken zu. Auch sonst irritiert der unerotische Charakter dieses Akts den übersexualisierten Kontext. Der Verkehr verliert darin seine Menschlichkeit, seine Zärtlichkeit. Hippolytos hat gegenüber dem rezeptiven Partner nur Verachtung parat: „Ich hab nicht die Absicht, mich wie ein beschissenes Tier zu verhalten. Überlasse ich dir“, sagt er, nachdem er gekommen ist.

Hippolytos’ Stellung ist in Simina Germans Inszenierung von Phaidras Liebe exponiert. Als Einziger gehört er nicht zum Chor, als Einziger trägt er kein Corpsepaint und keine körperbetonten Gruftioutfits. André Rohde verleiht ihm jene emotionale Indifferenz, die ein gewisses Männerbild transportiert, und ihn von der affektierten Körperlichkeit des Chors zusätzlich abhebt und ein Einfühlen ermöglicht. Ihm steht Phaidra gegenüber, die als einzige Figur wirklich liebt. Lise Wolle verleiht ihr eine ganz erstaunliche Ernsthaftigkeit und degradiert sie an keiner Stelle, obwohl sie doch einem unnahbaren Egomanen verfallen ist.

Bildlich harmoniert hier alles: Auf einem quadratischen Erdteppich, der vom Bühnenrand horizontal beleuchtet wird, steht ein Gusseisenbett mit roter Bettwäsche, worauf der müßiggängerische Protagonist liegt. Um ihn schart sich der Chor, weidet sich an seiner Ausstrahlung, giert nach ihm. Der orgiastische Taumel dieser schönen, modrigen Körper könnte direkt aus einem Lady-Gaga-Musikvideo stammen und fügt sich hervorragend ins puffig-warme Rot und Braun des Bühnenbilds von Anne Manss.

Doch die umwerfende Hochglanzästhetik jubelt den Zuschauern eine fragwürdige Message unter. Sexuelle Eskapaden – nichtreproduktive Sexualität? – erscheinen als Ausfluss einer lebensfeindlichen Welt. Die danach lüsten sind eine zombieartige Schleimerbande, die sich schließlich zum Mob zusammenschließt gegen den schwermütigen Einzelgänger, für den die ganze Fickerei längst zur uninteressanten Selbstverständlichkeit geworden ist. Es mag sein, dass sich bei One-Night-Stands häufig eine unangebrachte Apathie einstellt. Aber das ist Symptom, nicht Wurzel des Unheils. Eine umgekehrte Gesellschaftsdiagnose bewegt sich auf Linie einer konservativen Dekadenzkritik.

Dennoch: Wenn Hippolytos am Ende allein auf der Erde kauert – sein Bett wurde ihm entwendet, das bedrohlich marschierende Volk vereint sich zum Lynchmord – dann stellt sich wieder dieser Schauer ein, den die präzise Choreographie der Inszenierung so oft auszulösen verstand.