Juryurteil: “The car piece” aus Amsterdam

Picknick in der Natur und Drogen-Road-Trip durch Westfriesland

Eine Frau ruft “Silence” und alles ist still – Matthias Quabbe war vor allem vom Beginn des Stückes “The car piece” beeindruckt. Das sehr facettenreiche Amsterdamer Stück spürt Bewegungen nach. Was bewegt sich? Was wird bewegt? Wo entsteht Bewegung? Besonders eindrucksvoll sei dies am Genital eines Mannes dargestellt worden, bemerkt Juror Quabbe.

Karl Baratta lobt indes besonders die Dekonstruktion des Autos: “Das Auto war in Wirklichkeit ein Mensch. Das hat mir dann irgendwie Leid getan, wie es zerfleischt wurde”, sagt der freie Dramaturg.

Quabbe stellt kritisch fest, dass sich durch die fragmentarische Struktur nicht immer die Zusammenhänge hergestellt hätten. Insgesamt für ihn jedoch: “Eine sehr schöne Arbeit” mit großartigen Ideen.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Reflexion zu “The car piece” aus Amsterdam

Koerber Studio Junge Regie 2014

© Krafft Angerer

Es kann und will nicht verstanden werden

Mit der Sonne im Nacken fand heute im Vorhof des Thalia in Altona das Gruppengespräch zur gestrigen Performance “The car piece“ statt. In der Redaktion sorgte der Beitrag aus Amsterdam für viel Verwirrung. Wir haben gehofft, erleuchtet zu werden mit den Aussagen fachkundiger Teilnehmer aus ganz Deutschland.

Schätzungsweise 40 Kulturschaffende saßen über fünf Tischen verteilt und ließen den gestrigen Abend Revue passieren. Vornehmlich Studierende versuchten sich an einer Interpretation, obwohl der Spielraum für eine Analyse des Stücks keine Grenzen zu kennen scheint. Dies hat sich in den Meinungen der Studierenden wiederspiegelt.

Hierzu haben sich die Regisseure noch einmal äußern können. Das Stück verfolge kein konkretes Ziel, keine einheitliche Message. Jeder soll die Performance auf eigene Weise interpretieren und durch einzelne Szenen gut unterhalten werden.

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Dementsprechend vielfältig waren die Analysen und Kritiken.

An einem Tisch wurde kritisiert, dass die Szene, in der das Auto zerlegt wurde, inhaltlich mager ausfiel. Handlung, Musik, Gespräche – irgendein weiterer visueller oder akustischer Einfluss habe gefehlt. „Dadurch, dass das Checken von Emails erlaubt war, hatte man das Gefühl nicht seine Zeit zu verschwenden. Ich kann selbst bestimmen, ob ich noch nebenbei was anderes tue. Das fand ich super“ – hieß es unter anderem.

Am englischsprachigen Tisch wurden die Genitalszenen als kindliche Entdeckungsspiele von Sexualität verstanden. Außerdem habe man Freundschaft und Vertrauen auf der Bühne spüren können. „I do not see the scene as a provocation“ hieß es am Tisch, „I think it was just to see how bodies can work – like the car  – … just to see, what happens if I stretch the Penis”.

Eine andere Runde hat die Symbolcharakteristik angesprochen. Die Verschmelzung von Hase und Auto soll Leben und Tod repräsentieren, sowie die Genitalszenen Fruchtbarkeit wiederspiegeln. Des Weiteren wurde mehrmals klargestellt, dass es nicht um das Verstehen geht in dieser performativen Arbeit und angedeutet, dass generelle Fragen in diese Richtung ein Missverständnis des Stücks signalisieren würden. Die Frage nach dem allgemeinen Sinn von „The car piece“ ist damit wohl hinfällig.

Kritik: Amsterdams Stück “The car piece” zerlegt sich von selbst

Szene aus "The car piece" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Provokation ohne Sinn?

Von einem packenden Anfang zu einem ruhigen Ende. „The Car Piece“ hat nicht völlig überzeugt, sondern bloß Genitalien gezeigt. Schauspielerisch gut umgesetzt – doch was bedeutet das alles?

Man hat viel erwartet vom Amsterdamer Ensemble der renommierten „School for New Dance Development“, die das performative Stück „The carpiece“ vorstellten. Leider wurde man als Tanz-Fan enttäuscht, denn viel tänzerische Bewegung wurde letzten Endes nicht geboten. Dafür gab es jedoch Szenen, die einen als Zuschauer verwirrt zurück ließen. Pure Provokation, inhaltlose Bewegungen, zu wenig Führung durch das Stück?

Dabei hätte doch alles so schön sein können. „The Car Piece“ startet packend und interessant. Der Saal wird samt der Bühne abgedunkelt, die Zuschauer somit fast blind gemacht. Die Schauspieler erlauben ausdrücklich, die Handys eingeschaltet zu lassen – sogar das Checken von emails war möglich. Auf einmal rollt ein Kleinwagen herein, mit strahlenden Frontscheinwerfern fährt es mit voller Wucht auf die zuschauer zu. Visuell ein starkes Opening des Stücks. Darauffolgend eine erfrischende Hip-Hop Szene, in denen die Schauspieler rappen. Die Zuschauer sind in den Bann gezogen – voller Spannung und Erwartung, was als nächstes kommen mag. Was dann folgt: eine Sequenz, die viel zu lange dauert.

Die beiden Protagonisten schleichen über die Bühne, in der Hand eine Art Wünschelrute. Minuten vergehen, in denen Louis Vanhaverbeke und Oneka von Schrader über den Boden in Zeitlupe schlendern und nichts weiter passiert. Hier wurde man als Zuschauer von der Begeisterung und der Spannung rausgeworfen und fast gequält was die Zeit angeht. Im Schneckentempo zieht sich die Szene und man wünscht sich insgeheim, vorspulen zu können. Oder ging es darum, kontrastierende Ruhe zu dem turbulenten Opening herzustellen? Die Verbindung zwischen den Szenen wurde jedenfalls nicht klar.

Die Absurdität des Ganzen findet sich jedoch in einer weiteren Etappe des Stücks: Es geht nur um Nacktheit und Provokation. Zwei Zuschauerinnen verlassen fluchtartig den Saal, als Louis Vanhaverbeke von seiner Schauspielpartnerin ausgezogen wird und sein Hodensack über den Penis gestülpt wird. Oneka von Schrader zieht gleich, indem sie sich entblößt, in den Spagat gleiten lässt und ihre Vagina auf einen Erdnussbutter beschmierten Reiskeks presst. Bei allem Respekt vor der Fähigkeit der Protagonisten, starke Bilder herzustellen – das Provokationspotenzial, das nackte Genitalien auf der Theaterbühne haben, ist überschaubar. Man hat als Zuschauer den Eindruck, dass diese Szenen auch gar keinen Sinn ergeben sollen, sondern es nur darum geht, nackte Geschlechtsteile zu zeigen und Leute zu provozieren. Das ist heiße Luft.

Szene aus "The car piece" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "The car piece" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "The car piece" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "The car piece" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Des Öfteren lachte das Publikum und schien begeistert. Waren das Fans der Protagonisten? Für alle anderen galt es, sich den Kopf an einer Interpretation zu zerbrechen. Die einzelnen Szenen scheinen zusammenhangslos und eine Message des Stücks ist nicht zu erkennen. Das Konzept schien nicht wirklich rund.

Aus theatralischer Sicht war es kein wirklich überzeugender Abend, leider auch nicht aus tänzerischer. Bis auf ein paar kleine Szenen gab es keinen Tanz, dafür jedoch eine einwandfreie schauspielerische Leistung und sicherlich eine exzellente Körperbeherrschung der Künstler.

Zum Glück durfte man während des Stücks zum Handy greifen. Ja, der eine oder andere hatte das Verlangen, seine Emails abzurufen. Doch dem Mobiltelefon ereilte das gleiche Schicksal wie dem Theaterstück – leider gab es keinen Empfang um irgendeine Message zu erhalten.

Live-Kritik: “The car piece” aus Amsterdam

“Man kann das mögen. Oder hassen.”


Nacktheit, Schreie, die ausführliche Handhabe einer Rute, Häschen und kleines Auto – mit der Amsterdamer Aufführung von Oneka von Schrader und Louis Vanhaverbeke kann unsere Kritikerin Madleen herzlich wenig anfangen.

Kommentar: Madleen Schröder
Kamera und Schnitt: Christoph Brüggemeier

Was uns am Freitag erwartet

Szenenbilder aus The car piece und Steppengesänge | © Nellie de Boer / © Svenja Schulte

© Nellie de Boer / © Svenja Schulte

Der ganze Tag eine Reise

In Hamburg reisen die Festivalteilnehmer zum Baumwall, in “The car piece” reist ein Pärchen in einem Autochen und in Steppengesänge bereisen wir schließlich die romantische Lausitz.

Einmal vom Hotel aus in den 3er-Bus, bis Feldstraße fahren, umsteigen in die U3 und am Baumwall wieder aussteigen – dort in der Körber-Stiftung am Kehrwieder 12 findet heute Vormittag der interne Teil des Festivals statt. Tischgespräche, Open Space und die Präsentation von INSTED stehen in der Tagesordnung. Später am Abend wird dann wieder Theater aufgeführt.

The car piece

Heute Abend um 19 Uhr heißt es “Hello People”, wenn Louis Vanhaverbeke und Oneka von Schrader das Publikum zu ihrem “car piece” begrüßen. Mit ihrer Performance haben sich die beiden eine Dekonstruktion der Dinge vorgenommen. Wann hört das kleine Auto auf, ein Auto zu sein? Sind die Künstler auf der Bühne noch Menschen oder schon Tiere? Mutieren sie am Ende gar zu einem Konzert? Ergibt sich aus der Summe der Dinge eine neue Mechanik?

© Nellie de Boer

Szenenbild aus The car piece

© Nellie de Boer

Ganz genau: Bei dieser Performance spielt nicht nur der Körper eine Rolle – zum Einsatz kommt ein buntes Vielerlei aus der Medien- und Requisitenkiste: Videoprojektionen, Musik, große Dinge, bunte Dinge, kleine Dinge.

Wir freuen uns auf eine eindrucksvolle Demonstration dessen, was im performativen Theater heute möglich ist und würden begrüßen, wenn das Stück mit all seinen sehr unterschiedlichen Elementen in seiner Gesamtheit einen Sinn ergeben – vielleicht sogar ein erkennbares Ziel verfolgen würde.

Steppengesänge

Werden wir hier einen Lichtbildervortrag über die Lausitz sehen? Oder geht es vielmehr darum, mit fiktional-apokalyptischen Szenen das Wirkungsgefüge des Romantisierens offenzulegen? Ist ja auch egal, denn den Studenten aus Hildesheim geht es offenbar ohnehin mehr um den Prozess der Entstehung einer Aufführung, als um die Aufführung selbst.

© Svenja Schulte

Szenenbild aus Steppengesänge

© Svenja Schulte

Ein perfekt inszeniertes Produkt können wir heute Abend also wohl kaum erwarten, vielmehr macht die Performance seinem Publikum ein Angebot. Ein Angebot, selbst Teil des kreativen Prozesses zu werden, gemeinsam eine Reise anzutreten, um anschließend die Erfahrungen und Eindrücke miteinander zu teilen.
Wir von jungeregie.de haben unseren Rucksack gepackt und freuen uns auf die Reise. Vielleicht treffen wir ja unterwegs einen Hobby-Indianer.

An die Insider: Ihr wisst mehr als wir über die Stücke als wir? Ab damit in die Kommentarbox unten auf dieser Seite! Danke für eure Mithilfe.

Louis Vanhaverbeke und Oneka von Schrader von der School for New Dance Development Amsterdam im Interview

Banner Louis Vanhaverbeke & Oneka von Schrader

© Nellie de Boer

Boy Girl Car

Ein Auto hat er bei Ebay gekauft, um es Teil für Teil auseinander zu bauen. Die Teile wurden zu Skulpturen, während sie Lieder schrieb. Im Interview erklären Oneka von Schrader und Louis Vanhaverbeke was daran genau nun eine Choreographie sein soll.

“The car piece”, Freitag, 23. Mai, 19.00 Uhr

Since you are the ones who actually study or have studied at a choreography school – what is your definition of choreography?

Oneka: Oh, ähm, one second. (holt ein kleines Notizheftchen und vertieft sich darin, dann zeigt sie auf Louis) You graduated, you should know! (Lachen) Okay, to be serious: For me personally being a choreographer means to be able to combine. That is actually my main interest in this work – how to combine what, why and which. That would be my definition.

Louis: For me it is the craft of constellation in which the body is the main operator or the main subject. I think that’s what we are exploring in this school – at first when we are in the studio you have to allow yourself to be very free and playful with the material but then at a certain point you have to have a  strong idea, you need to fix your piece and be very clear about it.

© Nellie de Boer

Szenenbild aus The car piece

© Nellie de Boer

In your play “The car piece” there will be the two of you and a tiny but real car on stage. Why a car?

Louis: I’m generally really fascinated by the mechanics of cars. So I bought this car and screwed it totally apart to see how it all works. I was also interested in what else one can build out of the single parts, like sculptures and installations.

Oneka: In that sense we play with the notion of: what is something? When can a car be defined as a car? When does it stop to being a car? These kinds of  questions come up constantly in our work.

Could you describe this a little further or give some examples?

Oneka: We work with a lot of different media on stage. There are videos, big objects, music and at some point we act as rabbits on stage. So there are a lot of different elements, not just the body. And we keep asking: Is it us on stage? Or could we also be animals? Could we be in a concert? Could we also be objects? Mechanics? Or just a couple in the car?

Louis: We want to create a feeling of: a lot of things can happen – everything can happen! There is an overall common theme that creates a certain universe for the audience. And all of this is transported without language?

Oneka: We have a welcome sentence!

Which would be?

Oneka: Hello people. (Lachen)

Are you excited to be part of the Körber Studio this year?

Louis: Yes, it is very exciting for us. Especially because we come from a choreography school and there is usually only a very limited scene, a small frame. Through the festival we have the opportunity to go over to the „theaterworld“ – that will certainly be inspiring for us.

>> Weitere Informationen zu den Regisseuren
>> Alle Kritiken und Beiträge zum Stück aus Amsterdam

Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Die Regisseure aus Amsterdam

Portraitfoto Louis Vanhaverbeke & Oneka von Schrader

Louis Vanhaverbeke und Oneka von Schrader

Einen gebrauchten Kleinstwagen kaufte Louis bei ebay und begann damit, ein Teil nach dem anderen abzuschrauben. Wann, fragte er sich, hört das Auto auf ein Auto zu sein? Wie ergibt die Kombination der Teile eine neue Mechanik? Genau das – die Kombination von Dingen – macht für Oneka bereits das Hauptwesensmerkmal einer Choreographie aus. Die beiden 26-Jährigen studieren Choreographie an der SNDO in Amsterdam. Zuvor studierte Oneka Shiatsu, Isländisch und Performance. Auf dem Festival sehen wir das Duo tanzen – für Raum, Mobilität und Freiheit.

>> Mehr Informationen zur Inszenierung
>> Alle Kritiken und Beiträge zum Stück aus Amsterdam

Freitag, 23. Mai 2014, 19.00 Uhr – Aufführung aus Amsterdam

© Nellie de Boer

© Nellie de Boer

The car piece

Autoren
Louis Vanhaverbeke, Oneka von Schrader
Regie
Louis Vanhaverbeke, Oneka von Schrader
Institution
School for New Dance Development, Amsterdam
Zum Stück
Er, sie und das Auto. Sie mögen sich. Gemeinsam treten sie auf als Trio-Mobile, zusammengehalten von nur einer Hand voll Schrauben, Liedern und Geheimnissen. Sie bilden ein Antriebssystem, das menschliche sowie maschinelle Teile in Bewegung versetzt. Die bewegten Teile sind offensichtlich voneinander abhängig – fangen auf, was bei dem anderen einknickt, schieben an, wo das andere leer läuft. Zur Disposition auf der Autobühne stehen dabei die normativen und neoliberalen Untermauerungen von Mobilität und Flexibilität heute. Nicht alles bewegt sich automatos – aus eigenem Willen. The car piece ist eine choreographische Testfahrt durch die soziale Topographie räumlicher Bewegungs(un)möglichkeiten.
Technik
Harm Lubbers, Dennis Gillanders
Choreographische Beratung
Bruno Listopad
Dramaturgie
Lisa Skwirblies
Mitwirkende
Louis Vanhaverbeke, Oneka von Schrader
Spieldauer
45 Minuten

>> Eintrittskarte kaufen

>> Weitere Informationen zu den Regisseuren

>> Alle Kritiken und Beiträge zum Stück aus Amsterdam

© Nellie de Boer

© Nellie de Boer

© Nellie de Boer

© Nellie de Boer