Juryurteil: “Gott ist ein DJ” aus Berlin

Fast unheimlich für so eine Studentenarbeit

Nora Khuon war “total beeindruckt” von Janne Nora Kummers “Gott ist ein DJ”. Sehr gefallen hat ihr, wie mit Schauspielern umgegangen wurde, wie mit Raum umgegangen wurde, wie einzelne szenenische Geschehen voneinander abgesetzt wurden und wie verschiedene Übersetzungen und Zitatebenen angespielt wurden. Das Stück thematisiert die Vermarktbarkeit des Selbst.

Was Nora Khuon bei diesem Thema jedoch fehlte, war die Brücke zum Jetzt. Sie glaubt, man hätte “Folien vom heute” darauf legen können, um nochmal “eine andere Brüchigkeit” herzustellen. Karl Baratta fand’s übrigens “völlig abgefahren” – aber im Guten.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Live-Kritik: “Gott ist ein DJ” aus Berlin

Hi, Hallo, hört ihr mich? Hi!

Selbstvermarktung und Offenbarung jedes einzelnen privaten Details klingt eigentlich nach einem modernen Stück, dass sich mit Social Media auseinandersetzt. Aber Janne Nora Kummers “Gott ist ein DJ” spielt in den 90er Jahren und überflutet mit Nintendo-Musik, ehemaligen TV-Sternchen und ganz viel buntem Glitzerleuchtkram.

Kommentar: Madleen Schröder
Kamera: Angela Ölscher
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Was uns am Samstag erwartet

n.a./ © Robert Sievert

n.a./ © Robert Sievert

Heute ist Psycho-Tag!

Sie haben ein ernsthaftes Problem – die Figuren der heute aufzuführenden Stücke: Sie verlieren die Kontrolle über ihr Leben. Unkontrollierte Gedankenfetzen machen sich im Kopf des Protagonisten aus “Gier” breit, während Elly im “Fall M.” damit umgehen muss, für verrückt erklärt worden zu sein. Mit einem quasi ferngesteuerten Paar, das alles für seine Außenwirkung tut, wird heute schließlich ein lange Theaterabend enden.

Gier

Szenenbilder aus Gier | © Robert Sievert

Szenenbilder aus Gier

© Robert Sievert

Vier Stimmen in nur einem Kopf: Mit Gier bringt Isabella Roumantsev heute Nachmittag eine multiple Persönlichkeitsstörung auf die Bühne. Getrieben werden die Stimmen von Assotiationsfetzen. Klare Raum- und Zeitverhältnisse werden aufgelöst. In “Gier” wird ein lange verdrängtes Trauma aufgearbeitet. Stakkatoartig überkommen dem Protagonisten meist negative Sinnfetzen. Das Vokabular des Stückes weist mehr “Nein” als “Ja” auf, mehr “Schmerz” als “Ordnung”.

Häufigkeit der Wörter in Gier von Sarah Kane

Häufigkeit der Wörter in Gier von Sarah Kane

Ja, die Aufführung aus Frankfurt am Main ist abstrakt und kompliziert. Wir erwarten ein rhythmisiertes Stück voller Brüche, voller Reibungspunkte – reichlich ausgestattet mit vulgärer Sprache.

Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte

Letzendlich gleicht die Story, die Florian Fischer hier heute Abend aufführt, einen Alptraum. Verleumdet, abgeführt und eingewisen in eine psychiatrische Klinik – Elly M. befindet sich in einer ausweglosen Lage. Jeder hält sie nun plötzlich für wahnsinnig – und es gibt kein Entkommen.

Szenenbild aus Der Fall M. | © Federico Pedrotti

Szenenbild aus Der Fall M.

© Federico Pedrotti

Krank oder gesund? Schuld oder Unschuld? Fiktion oder Realität? – Die Grenzen verschwimmen. In seinem “Fall M.” setzt sich Florian Fischer mit den Machtmechanismen von Medizin und Justiz auseinander. Was passiert, wenn fremde Institutionen und Behörden die Deutungshoheit über das eigene Leben erlangen?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, integriert Florian Fischer Klassiker wie Kafkas “Prozess” oder von Horváths “Lehrerin von Regensburg” ebenso in seine Inszenierung, wie den aktuellen Fall Mollath. Ob es ihm gelingt, diesen doch recht weiten Bogen zu spannen, sehen wir heute Abend um 19 Uhr.

Gott ist ein DJ

Janne Kummer führt heute Abend ein historisches Stück auf. “Gott ist ein DJ” entstand in den 90er Jahren. Es geht um die Selbstinszenierung junger Menschen, um die Vermarktung des des eigenen Lebens – ein hochaktuelles Thema in Zeiten sozialer Medien und Blogs.

Szenenbild von Gott ist ein DJ

Szenenbild von Gott ist ein DJ

Doch trotzdem: Die Berliner Regisseurin belässt das Stück dort, wo es herkommt: In den 90er Jahren. Erst durch Verfremdungseffekte möchte die Regisseurin den eigentlichen Kern des Themas offenlegen. Wie wird Identität generiert? Was passiert, wenn Intimes öffentlich zur Verhandhandlung gestellt wird?

Wir freuen uns auf ein zeitgemäßes Thema, das in unzeitgemäßem Gewand in Erscheinung tritt. Besonders gespannt sind wir auf das Bühnenbild – ein überdimensionaler, bewohnbarer Rubik’s Cube mit einer Botschaft: So sehr du dich auch bemühst, ein stimmiges Bild deiner Persönlichkeit herzustellen – es wird dir nicht so einfach gelingen.

Regisseurin Janne Kummer von Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin im Interview

Banner Jane Nora Kummer

Geil! Aufmerksamkeit!

Selbstvermarktung – was schon in den 90ern ein großes Thema war, kann heute jeder in Perfektion auf Facebook bewundern. Im Interview spricht Janne Kummer über Intimität – und was mit ihr passiert, wenn sie öffentlich verhandelt wird.

“Gott ist ein DJ”, Samstag, 24. Mai, 21.00 Uhr

Das Stück Gott ist ein DJ von Falk Richter ist Ende der 90er Jahre entstanden. Die dort verhandelte Selbstinszenierung eines jungen Paares ist heute Alltag. Wie seid ihr damit umgegangen?

Im Zeitalter von Facebook und Co. ist dieses Thema natürlich absolut aktuell. Heute hat der Umgang mit neuen Medien eine ganz andere Natürlichkeit als zu der Zeit, in der das Stück entstanden ist. Richters Sprache, das Setting und die Bilder sind daher nicht zeitgemäß, 90er eben. Wir mussten uns sehr schnell fragen, ob man den Text ins Heute überträgt.

Wie habt Ihr Euch entschieden?

Wir haben uns entschieden, es in den 90ern spielen zu lassen, um einen Verfremdungseffekt herzustellen, der die eigentlichen Kernthemen offenlegt.

Welche sind das für Euch?

Das ist vor allem die Paarbeziehung und die Frage, wie man Identität generiert. Da das Paar ja quasi gezwungen ist, sich permanent selbst zu vermarkten und dazu auch das Private heranzieht, wird Intimität öffentlich verhandelt – und ist dadurch natürlich schon wieder nicht mehr intim. Wir haben uns daher auch stark auf den Kinderwunsch des Paares konzentriert, denn ein Kind ist erst mal schwer zu vermarkten. Fast wichtiger ist jedoch, dass ein Kind eine langfristige, eine wirkliche Entscheidung für eine Sache ist.

Szenenbilder von Gott ist ein DJ

Euer Bühnenbild ist in Form des bunten Zauberwürfels von Rubik gestaltet, in dem das Paar gewissermaßen gefangen ist. Wieso gerade in diesem Spielzeug?

Der Rubik’s Cube ist metaphorisch zu betrachten. Die Figuren basteln an ihrer Identität, aber es gibt nie ein stimmiges Bild. Das verweist darauf, dass der „Würfel der Postmoderne“ gar keine ursprüngliche Ordnung mehr besitzt, die man wieder herstellen könnte. Es gibt keine ursprüngliche, keine natürliche Identität mehr. Wir sind insgesamt viel über die Form an das Thema herangegangen, wodurch auch viele choreographische Szenen entstanden sind.

Kannst Du das genauer beschreiben?

Wir haben sehr viel ausprobiert, am Anfang auch einfach Dinge, die uns Spaß gemacht haben, wie zum Beispiel, Filmszenen nachzustellen. Der Mensch lebt oft nur als Zitat, zusammengeklaubt aus Hollywoodfilmen oder Werbungen – das wollten wir auch in der Körperlichkeit des Paares zum Ausdruck bringen. Die Beiden sind wie ferngesteuert von den Bildern, die sie umgeben, und würden fast alles tun, um das Publikum zu entertainen, ganz gleich wie peinlich oder abwertend das für sie ist. Dadurch bekommen sie etwas sehr Puppenhaftes.

Wird das Paar in Eurer Arbeit einen Ausweg aus diesen Zwängen finden?

Die Suche und auch Sehnsucht nach einem Ausweg hat einen sehr hohen Stellenwert in unserer Arbeit. Wie es ausgeht, möchte ich noch nicht verraten.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Die Regisseurin aus Berlin

Portraitfoto Jane Nora Kummer

Janne Nora Kummer

Irgendwie scheint sich Janne Nora Kummer gerne von Spielen inspirieren zu lassen. Mit “The Sensational Sensation”  brachte sie eine Performance auf die Bühne, die auf dem Brettspiel “Spiel des Lebens” basierte. Jetzt führt sie mit “Gott ist ein DJ” ein Stück auf, das in einem großen Rubik’s Cube spielt. Die studierte Bühnen- und Kostümbildnerin wählte das beliebte 90er-Jahre-Spielzeug als Metapher für die fehlende Ordnung in der Postmoderne. Es geht um Selbstinszenierung, um Vermarktung der eigenen Intimität. Und über das Fehlen einer eigenen ursprünglichen und natürlichen Identität. Seit 2011 studiert die 28-Jährige Regie an der HFS Ernst Busch in Berlin. Die Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes war bereits mit  “Die Ordnung der Dinge – GRANIT” zu sehen, einer Stückentwicklung über das Wesen der Maschine. Außerdem zeigte sie auf dem Berliner Oranienplatz mit “Hotel Europa” eine Installation, die sie gemeinsam mit der Refugeebewegung entwickelte.

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Samstag, 24. Mai, 21.00 Uhr – Aufführung aus Berlin

Gott ist ein DJ

Autor
Falk Richter
Regisseurin
Janne Nora Kummer
Institution
Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” Berlin
Zum Stück
ER und SIE haben ein gemeinsames Projekt. Unablässig filmen und vermarkten sie ihr Leben. Das tun sie in einer Zeit vor Social Media, in der mediale Präsenz noch künstlerischer Strategien bedurfte. Es herrscht eine Logik universeller Nutzbarmachung – Biografien werden verwertet, die Grenzen zum Privaten aufgelöst. Die Figuren scheinen nur als Marke im Spiegel der Öffentlichkeit zu existieren, um deren Aufmerksamkeit-Anerkennung sie kontinuierlich ringen. Für beide ist klar: Die Welt ist dekonstruierbar und die alte Ordnung obsolet, denn wenn Gott ein DJ ist, kann alles möglich sein! Es bleibt die Frage: Wo finden sie Halt?
Kostüme
Pina Starke
Dramaturgie
Sonja Laaser, Sven Björn Popp
Bühnenbild
Janne Kummer, Maike Krych
Musik
Benedikt Ellebrecht, Klavier: Wilke Weermann
Video
Mirjam Khera
Regieassistenz
Wilke Weermann
Regiehospitanz
Malin Kemper
Mitwirkende
Maike Schmidt, Harry Schäfer
Spieldauer
60 Minuten

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