Mizgin Bilmen und Ben Hartmann von der Folkwang Universität der Künste Essen im Interview

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Regisseurin Mizgin Bilmen und Schauspieler Ben Hartmann wollen Büchners Klassiker nicht einfach nur aufführen, sie wollen ihn sezieren. Wie das gehen soll erklären die beiden im Interview.

“autopsie danton”, Donnerstag, 22. Mai, 21.00 Uhr
Aufführung entfällt

Dein Stücktitel heißt “autopsie danton”. Ist der Titel Programm?

Mizgin: Das Wort Autopsie im Titel steht hauptsächlich dafür, dass ich den Zeitgeist, der in der Büchner-Vorlage steckt, für tot halte. Und im Sinne einer Obduktion will man natürlich herausfinden, was die Todesursache war. Ein kleines bisschen liegt darin aber auch die Hoffnung auf neue Möglichkeiten.

Die da wären?

Mizgin: Sagen wir so – im Original bahnen sich viele Dinge an, die ich in meiner Arbeit noch mehr auf die Spitze zu treiben versuche. Danton ist ein Mensch, der immer stärker einer nihilistischen Weltsicht verfällt. Der Mensch und sein Schaffen werden für ihn zunehmend wertlos. Ich selbst bin da sehr hin- und hergerissen. Einerseits bin ich romantisch veranlagt und habe die Sehnsucht nach einer besseren Welt, auf der anderen Seite muss ich aber feststellen, dass das ja nur ernst zu nehmen ist und ich mich selber nur ernst nehmen kann, wenn sich diese Hoffnung auch mit den Beobachtungen der Realität vereinbaren lässt.

Was heißt das im konkreten Fall für Dein Stück?

Mizgin: Ich habe der dantonistischen Betrachtungsweise oder Strömung zwei weitere hinzugefügt: die Themenkomplexe Sexualität und Revolution sowie Liebe und Menschlichkeit. Ich möchte das an dieser Stelle aber auch nicht weiter ausführen, da das sehr viel und auch sehr theoretisch werden würde. Die Schauspieler haben mich am Anfang auch gefragt: Sollen wir jetzt nur reden?

Ben: Letztlich ist das aber auch das Tolle an der Arbeit mit Mizgin. Sie setzt sich auf inhaltlicher Ebene stark mit ihren Partnern auseinander. Solche Textflächen vorab zu besprechen und zu durchdenken, bis man an seine mentalen Grenzen kommt, ist eigentlich schon die Hälfte der Arbeit. Sie schafft damit auf dramaturgischer Ebene Voraussetzungen für den Spieler, die nachher auf der Bühne durchbrochen werden können. Es ist in der Arbeit mit ihr also immer ein Grenzspiel zwischen theoretischen Auseinandersetzungen und den dadurch möglichen, produktiven und körperlichen Auseinandersetzungen auf der Bühne.

Und das sind laut Ankündigung drei Schauspieler, die sich durch ein Meer von Identitätshüllen wühlen. Wie ist das zu verstehen bzw. ästhetisch umgesetzt?

Mizgin: Ja, das ist das, was man auch als choreographisches Element der Inszenierung verstehen kann. Der Bühnenraum ist überhäuft mit Kleidern, wie in so einem Altkleidercontainer. Und darin stecken die drei Schauspieler und ziehen sich beständig an und aus und um.

Sinnbild eines Identitätswechsels?

Mizgin: Es ist letztlich nur die Behauptung eines Identitätswechsels. Natürlich beinhaltet es die Suche danach, aber die Leute, die Künstler, so wie wir welche sind, ziehen sich doch immer nur die alten Kamellen rein, obwohl sie aus einer ganz anderen Zeit kommen. Da möchte ich nachhaken.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Die Regisseurin aus Essen

Portraitfoto Mizgin Bilmen

Mizgin Bilmen

Sicherlich musste sich die 31-Jährige in ihrem Germanistiktudium oft mit toten Texten aus einer längst vergangenen Lebenswirklichkeit auseinander setzen. So jedenfalls wäre es zu erklären, warum sie in “autopsie danton” herausfinden möchte, was die Todesursache für ein solches aus der Zeit gefallenes Stück war – immer mit der Hoffnung auf neue Möglichkeiten. Seit 2010 studiert Mizgin Schauspiel-Regie an der Folkwang Universität der Künste Essen/Bochum. Zuvor absolvierte sie diverse Theaterarbeiten in der freien Szene im Ruhrgebiet und eine einjährigen Regiehospitanz am Theater an der Ruhr in Mülheim bei Roberto Ciulli. Seit 2011 ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Seit September 2013 arbeitet sie als feste Regieassistentin am Maxim Gorki Theater Berlin.

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