Juryurteil: “Gier” aus Frankfurt a. M.

Es blieb ein bisschen brav

Einen realistisch-psychologischen Zugriff hat Isabella Roumiantsev für ihr Stück “Gier” gewählt. Als Figuren treten normale, nicht überzeichnete Menschen auf. Leider sei das Stück dann nicht “auf einen immer noch schmerzvolleren Punkt zugesteuert”, bemerkt Nora Khuon. Der wahnsinnige Schmerz, die Brutalität, die große Depression aus Sarah Kanes Text sind nicht auf der Bühne angekommen, vielmehr sei dort lediglich eine “sanfte Neurose” zu sehen gewesen, sagt Khuon.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Kritik: “Gier” von Isabella Roumiantsev überzeugt mit klarer Linie

Szene aus "Gier" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Die Vermessung der Einsamkeit

Weniger ist mehr: mit einer fokussierten Sicht auf Sarah Kanes “Gier” hat Isabella Roumiantsev von der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst eine bemerkenswerte Inszenierung abgeliefert.

“Gier” – von den fünf Stücken der britischen Dramatikerin ist dieses Werk dasjenige, das seine Botschaften am rhapsodischsten, assoziationsfreudigsten präsentiert. Ein Text-Knäuel, in dem Zitate, Paraphrasen, Geplapper und Assoziationsfetzen virtuos miteinander verwoben sind. Personen im eigentlichen Wortsinn gibt es nicht – es ist eher eine Art Wort-Partitur für vier Stimmen, die mit den Buchstaben A, B, C und M bezeichnet sind. Eine wortgewaltige Vermessung eines Feldes zwischen Selbstannahme und Ablehnung, zwischen Annäherung und Abstoßung, zwischen Verzweiflung und milder Zuversicht. Ein Text, durchdrungen von Hoffnungslosigkeit und gezeichnet von einem Pessimismus, die jedes noch so zarte Aufflammen von Zuversicht erstickt.

Isabella Roumiantsev hat für ihren Beitrag beim diesjährigen Körber Studio Junge Regie einen Zugang gewählt, der schlackenlos auf alle Dekoration und alles Beiwerk verzichtet, und der sich einerseits an die inhaltlichen Kerne von Sarah Kanes Text, aber auch an den musikalisch-rhythmisierten Gehalt der Sprache heranwagt. Das Resultat ist eine bemerkenswert konzentrierte Annäherung an Kanes’ Assoziations-Gebilde; Isabella Roumiantsev erschließt sich den Stoff durch das straffe Herausarbeiten der Struktur, und durch die beeindruckende Rhythmisierung der Sprachmelodie. Auch wenn das Timing bei der Aufführung streckenweise etwas wackelte, so ist doch eine Inszenierung entstanden, die mit einem konzentrierten Repertoire an dramatischen Mitteln ein eindringliches Seh-Erlebnis schafft.

 

 

Vier Autositze, auf der Bühne verstreut, vier Autoreifen, zur Säule gestapelt, dazu eine Bühne, die übersät ist mit Glassplittern (Bühnenbild / Kostüm: Robert Sievert): in diesem kargen Environment lässt Isabella Roumiantsev ihre vier Stimmen suchen, wüten, fragen, hoffen, resignieren. Sie strukturiert den schier nie versiegenden Textfluss von Sarah Kanes Stück systematisch durch, trennt die Episoden durch Dunkelheit, das von Techno-Gewummer begleitet wird, und variiert die Konstellationen der vier Protagonisten, die sich mit sparsamer Gestik und Zeichengebung auf die Rhythmik und die Sprachmelodie der Textvorlage konzentrieren. Das klingt – dem ersten Anschein nach – minimalistisch, verleiht dem Stück jedoch genau dadurch jenen fokussierten Wumms, der Kanes Tableaus der Verzweiflung so überaus eindringlich machen.

Überhaupt – und das lässt sich nach nunmehr drei Festival-Tagen sagen – scheint in der Selbstbeschränkung der Schlüssel zur Intensität zu liegen. Mannigfaltiger Budenzauber, possierliches dramatisches Tischfeuerwerk: das war nun mehrfach zu erleben beim Körber Studio Junge Regie, und so frappierend die Bildwirkungen und Effekte auch gewesen sein mögen, die diese turbulenten Regie-Handschriften auszeichnen, so waren es jene stillen, eindringlichen Theater-Momente, die für die magischen Momente dieses Festivals gesorgt haben.

Live-Kritik: “Gier” aus Frankfurt

Verzweifeln, wüten und nach Sinn suchen

Isabella Roumiantsev hat sich an ein Stück von Sarah Kane gewagt. Die Frankfurter Regisseurin hat die zusammenhangslosen Texte und undefinierten Charaktere in einer rythmischen Inszenierung umgesetzt. Holger Hettinger “fand’s richtig toll”.

Kommentar: Holger Hettinger
Kamera: Angela Ölscher
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Was uns am Samstag erwartet

n.a./ © Robert Sievert

n.a./ © Robert Sievert

Heute ist Psycho-Tag!

Sie haben ein ernsthaftes Problem – die Figuren der heute aufzuführenden Stücke: Sie verlieren die Kontrolle über ihr Leben. Unkontrollierte Gedankenfetzen machen sich im Kopf des Protagonisten aus “Gier” breit, während Elly im “Fall M.” damit umgehen muss, für verrückt erklärt worden zu sein. Mit einem quasi ferngesteuerten Paar, das alles für seine Außenwirkung tut, wird heute schließlich ein lange Theaterabend enden.

Gier

Szenenbilder aus Gier | © Robert Sievert

Szenenbilder aus Gier

© Robert Sievert

Vier Stimmen in nur einem Kopf: Mit Gier bringt Isabella Roumantsev heute Nachmittag eine multiple Persönlichkeitsstörung auf die Bühne. Getrieben werden die Stimmen von Assotiationsfetzen. Klare Raum- und Zeitverhältnisse werden aufgelöst. In “Gier” wird ein lange verdrängtes Trauma aufgearbeitet. Stakkatoartig überkommen dem Protagonisten meist negative Sinnfetzen. Das Vokabular des Stückes weist mehr “Nein” als “Ja” auf, mehr “Schmerz” als “Ordnung”.

Häufigkeit der Wörter in Gier von Sarah Kane

Häufigkeit der Wörter in Gier von Sarah Kane

Ja, die Aufführung aus Frankfurt am Main ist abstrakt und kompliziert. Wir erwarten ein rhythmisiertes Stück voller Brüche, voller Reibungspunkte – reichlich ausgestattet mit vulgärer Sprache.

Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte

Letzendlich gleicht die Story, die Florian Fischer hier heute Abend aufführt, einen Alptraum. Verleumdet, abgeführt und eingewisen in eine psychiatrische Klinik – Elly M. befindet sich in einer ausweglosen Lage. Jeder hält sie nun plötzlich für wahnsinnig – und es gibt kein Entkommen.

Szenenbild aus Der Fall M. | © Federico Pedrotti

Szenenbild aus Der Fall M.

© Federico Pedrotti

Krank oder gesund? Schuld oder Unschuld? Fiktion oder Realität? – Die Grenzen verschwimmen. In seinem “Fall M.” setzt sich Florian Fischer mit den Machtmechanismen von Medizin und Justiz auseinander. Was passiert, wenn fremde Institutionen und Behörden die Deutungshoheit über das eigene Leben erlangen?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, integriert Florian Fischer Klassiker wie Kafkas “Prozess” oder von Horváths “Lehrerin von Regensburg” ebenso in seine Inszenierung, wie den aktuellen Fall Mollath. Ob es ihm gelingt, diesen doch recht weiten Bogen zu spannen, sehen wir heute Abend um 19 Uhr.

Gott ist ein DJ

Janne Kummer führt heute Abend ein historisches Stück auf. “Gott ist ein DJ” entstand in den 90er Jahren. Es geht um die Selbstinszenierung junger Menschen, um die Vermarktung des des eigenen Lebens – ein hochaktuelles Thema in Zeiten sozialer Medien und Blogs.

Szenenbild von Gott ist ein DJ

Szenenbild von Gott ist ein DJ

Doch trotzdem: Die Berliner Regisseurin belässt das Stück dort, wo es herkommt: In den 90er Jahren. Erst durch Verfremdungseffekte möchte die Regisseurin den eigentlichen Kern des Themas offenlegen. Wie wird Identität generiert? Was passiert, wenn Intimes öffentlich zur Verhandhandlung gestellt wird?

Wir freuen uns auf ein zeitgemäßes Thema, das in unzeitgemäßem Gewand in Erscheinung tritt. Besonders gespannt sind wir auf das Bühnenbild – ein überdimensionaler, bewohnbarer Rubik’s Cube mit einer Botschaft: So sehr du dich auch bemühst, ein stimmiges Bild deiner Persönlichkeit herzustellen – es wird dir nicht so einfach gelingen.

Isabela Roumiantsev von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main im Interview

Banner Isabella Roumiantsev

Fragmentierte Gewalt

Mit “Gier” bringt Isabela Roumiantsev ein Stück voller Scheitern, Chaos und Durcheinander auf die Bühne. Im Interview erläutert die junge Regisseurin, was ihre Aufführung mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung gemein hat.

“Gier”, Samstag, 24. Mai, 15 & 17 Uhr

Sarah Kane gilt als eine der radikalsten Vertreterinnen des In-Yer-Face-Theatre – warum hast Du gerade sie gewählt?

Ich wollte vor allem etwas über den Körper auf der Bühne erfahren. Das Stück ist sehr abstrakt, es wird fast nur über Sprache gearbeitet: Wir haben vier Stimmen ohne klare Raum- und Zeitverhältnisse, die sich von ihren Assoziationsfetzen treiben lassen. Trotzdem hat jede ihren ganz eigenen Klang, ihren ganz eigenen Rhythmus. Die Frage ist: Wie kann man das in einen 3D-Raum übersetzen? Kann man sie reduzieren auf Namen oder Charaktere? Auf Rollen wie Mutter, Vater, Kind? Was hat das für Auswirkungen auf den Körper?

Wie hast Du das dann transformiert?

Die Struktur wird vor allem über die Idee des Fragments aufgegriffen. Wir haben einzelne Szenen für die jeweiligen Stimmenkonstellationen gefunden, die immer wieder von Blacks durchbrochen werden. Jeder hat nur etwa einen Satz, es entsteht ein ständiger Sprecherwechsel.

Gab es die Idee für die Stimmen schon vorher oder hat sich das mit Deiner Besetzung ergeben?

Was ich von Beginn an mitgebracht habe, war die Idee der Aufspaltung: vier Stimmen als Teil eines Kopfes – das hat mich stark an multiple Persönlichkeitsstörungen erinnert. Die korrekte Abbildung des Krankheitsbildes wurde aber im Probenverlauf immer unwichtiger. Wir haben eigene Rhythmen und Ideen entwickelt und daraus die Szenen gebaut.

© Robert Sievert

Szenenbilder aus Gier

© Robert Sievert

© Robert Sievert

© Robert Sievert

© Robert Sievert

© Robert Sievert

Sarah Kane verweigerte sich stets einer eindeutigen Interpretation. Wie hältst Du das in Deiner Arbeit?

Als Regisseurin musste ich mich natürlich ein Stück weit für eine Auslegung entscheiden. Für mich geht es in “Gier” primär um einen einzigen Menschen. Dieser Mensch versucht sich mit Erinnerungen und Gefühlen auseinanderzusetzen, die ihm in Form verschiedener Stimmen entgegenschlagen.

Und kann dieses Chaos aufgelöst werden?

Nein, aber am Schluss steht wenigstens die Quintessenz: Beschreibung statt Verdrängung! Denn, wie es im Stück selbst heißt: „Die meisten Leute, sie kommen klar“.

Wie steht das im Zusammenhang mit der traumatischen Aufsplitterung?

Es ist einfach der Beobachtung geschuldet, dass die meisten Leute wirklich klar kommen. Sarah Kane ist sehr tief abgetaucht in ihr Dilemma. (Sie nahm sich 1999 aufgrund ihrer Depressionen das Leben, Anm. d. Red.) Das Stück gilt als stark autobiografisch. Es scheint ihr Versuch zu sein, der Verdrängung entgegenzuwirken.

Wie hast du als Regisseurin dagegen angearbeitet, dieses Scheitern und Durcheinander nicht zum eigenen Misserfolg werden zu lassen?

Gerade bei einem so komplexen Stück ist es als Regisseur schwierig. Ich habe viel über Vertrauen gelernt; es ist wichtiger, das Team spüren zu lassen, dass ich ihm und mir trotz aller Undurchsichtigkeiten vertraue, statt das Bild von einem dominanten, herrischen Regisseur abzugeben. Wenn man Vertrauen vermittelt, färbt das auf den gesamten Prozess ab.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Die Regisseurin aus Frankfurt

Portraitfoto Isabella Roumiantsev

Isabella Roumiantsev

Mit „Gier“ inszeniert die 25-Jährige auf dem Festival ein recht komplexes und abstraktes Stück. Umso wichtiger ist es ihr, das ihr Team ihr Vertrauen spürt. Das Bild einer dominanten, herrischen Regisseurin möchte sie jedenfalls nicht abgeben. Seit 2011 studiert Isabella Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Zuvor hospitierte sie am Maxim Gorki Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg und am Stadttheater Lübeck. Mit einer Szene aus “Port” von Simon Stephens, der die Performance “I am Animal”, und “Penthesilea” von Heinrich von Kleist waren bereits zahlreiche Werke der jungen Regisseurin öffentlich zu sehen.

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Samstag, 24. Mai 2014, 15 Uhr & 17 Uhr – Aufführung aus Frankfurt

© Robert Sievert

© Robert Sievert

Gier

Autorin
Sarah Kane
Regisseurin
Isabella Roumiantsev
Institution
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main
Zum Stück
Vier Stimmen, zusammengepfercht in einem Raum ohne klare Zeit- und Ortsverhältnisse, lassen sich von Assoziationsfetzen treiben. Das Ziel: einem lange verdrängten Trauma auf den Grund zu gehen. Der Weg dorthin führt über die Artikulation und das Ausagieren von Erinnerungs- und Beziehungsfragmenten, die im innersten Kern des Bewusstseins vergraben liegen. Es gilt: Beschreibung statt Verdrängung, denn “Die meisten Leute, sie kommen klar”.
Bühne, Kostüme & Licht
Robert Sievert
Dramaturgie
Philipp Urrutia
Mitwirkende
Leoni Bäcker, Markus Rührer, Johannes Schedl, Sabine Weithöner
Spieldauer
75 Minuten

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© Robert Sievert

© Robert Sievert


© Robert Sievert

© Robert Sievert