Juryurteil: “Macchia” aus Gießen

Man lauert auf den Fehler im System

Gesagt, getan – der Text ist bei Macchia Gesetz, nur dass auch noch der Text live während des Stückes selbst entsteht. Das Spielprinzip hat Tobias Becker sehr schnell gefangen genommen.

Doch wie würden die Performer wieder aus dieser Versuchsanordnung heraus kommen? Würden sie sich Schach-Matt setzen, nicht mehr weiter spielen und warten, bis das Publikum genervt den Saal verlässt? Würden sie ewig weiter spielen, bis das Publikum ebenfalls genervt den Saal verlässt. Dass es letztendlich ein dritter Kniff wurde, enttäuschte Becker etwas. “Das nimmt eine Ausflucht”, urteilt der Kulturspiegel- Redakteur.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Kritik: “Macchia” aus Gießen lädt mit Fluxus zum Mitmachen ein

Szene aus "Macchia" (Gießen) | Foto © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Eine Choreografie aus Körpern und Stimmen

Das Gießener Performancespiel “Macchia” entsteht erst auf der Bühne. Ein Akteur sagt, der andere macht. Wer sich als Zuschauer darauf einlässt, kann mitmachen und seine Assoziationen treiben zu lassen.

„Jemand dreht sich um und geht nach vorn.“ „Jemand schaut zum Publikum und pfeift.“ „Jemand…“. Ein Spiel von nie enden wollenden Handlungsanweisungen liefern sich die Performenden Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina Földesi und Ruth Schmidt in ihrem Stück Macchia.

Von der ersten bis zur letzten Minute durchzieht das Prinzip der Benennung und Ausführung körperlicher Aktionen die Struktur des Performanceabends. Dafür braucht es nicht viel: eine leere Bühne, die nur durch weißes Tape begrenzt wird und eine Stoppuhr, die signalisiert, wann ein Performer gegen einen anderen ausgetauscht wird. Die Individualität der Darstellenden spielt dabei keine Rolle, sondern vielmehr ihre Stimme und ihre Körper, die zu Instrumentarien der sprachlich-choreografischen Komposition werden.

Entscheidend sind die Grundregeln, die für den Zuschauenden schnell erkennbar sind: Ein Performer beschreibt eine Handlung, die ein anderer befolgt. Wer der Initiator und wer der Ausführende von den drei Akteuren sein wird, bleibt jedoch unvorhersehbar und macht es spannend dem steten Wechsel zuzusehen. Mit jedem neuen Teil, der durch ein „Stopp“ eingeläutet wird und das Spiel von vorn beginnen lässt, erweitert und verändert sich das performative Material. Ständig werden neue Erzählungen und Bedeutungszuweisungen aufgemacht, die in ihrer Variation und den Wiederholungen ins nichts führen.

 

 

Dies lädt im collageartigen Stückverlauf dazu ein, sich und seine Assoziationen treiben zu lassen. Gleichzeitig wirkt diese Kontinuität durch den gleichbleibenden sprachlichen und körperlichen Rhythmus manchmal ermüdend und weckt den Wunsch nach mehr dynamischen Wechseln.

Dem Fluxus-Konzept folgend gelingt es den Studierenden des Instituts für angewandte Theaterwissenschaft Gießen ein Zeitgefühl für das Prozesshafte und die Unendlichkeit zu vermitteln, die in der Varianz festgelegter Handlungsstrukturen hervorgebracht wird.

Dramaturgisch von Friederike Thielmann gut umgesetzt, ist die Auflösung des selbstreferentiellen Bezuges der Performer zum Ende hin. Statt „jemand“ oder „wir“ beginnen die Performer die Handlungsanweisungen plötzlich mit „Ihr“ und adressieren das Publikum. Wir werden eingeladen in Gedanken den Aufforderungen zu folgen und Teil der Erzählung sowie des Regelwerks zu werden. Bei diesem Spiel, dass von seiner Komik der situativen Körperbilder und den Zufällen lebt, obliegt es jedoch dem Zuschauenden selbst, ob er sich auf dieses einlässt und mitspielen möchte.

Live-Kritik: “Macchia” aus Gießen

Und… und… und… eine unendliche Geschichte

Die Performance des Gießener Text-Kollektivs Hoke geht so: Alles was gesagt wird, muss ausgeführt werden. Oder: Was getan wird, muss beschrieben werden. Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina Földesi und Ruth Schmidt vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen treten beim Körber Studio Junge Regie 2014 mit einer Performance im Stil von Fluxus an. Ihr Stück entsteht erst auf der Bühne und mit Einbeziehung des Publikums. So ist jeder Auftritt einmalig. Uns hat’s gefallen.

Kommentar: Jenny Schmidt
Kamera und Schnitt: Christoph Brüggemeier

Regieteam Macchia vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen im Interview

Banner Tilman Aumüller & Jacob Bussmann & Bettina Földesi & Ruth Schmidt

Sehen, Sagen, Tun

Es wird das getan, was gesagt wird. Ruth Schmidt, Tilman Aumüller, Bettina Földesi und Jacob Bussmann sind davon überzeugt, dass schon das Theatermachen an sich Handlung ist. Was genau sie damit meinen, erklären die Gießener im Interview.

“Macchia”, Sonntag, 25. Mai, 15 & 17 Uhr

In der Ankündigung Eures Stücks Macchia heißt es: Jemand sagt: „Jemand geht zur Wand und“ – und jemand geht zur Wand. Was hat es damit auf sich?

In unserem Stück gibt es eine Grundregel, die lautet: Was gesagt wird, muss auch getan werden. Wenn jemand sagt „geh über die Bühne“, wird auch jemand über die Bühne gehen.

Gut, das ist relativ einfach zu verstehen. Aber was bezweckt Ihr damit?

Durch diese Spielweise entsteht eine Doppelung von Sprechen und Ausführen – oder, anders gesagt: Sprache und Handlung sind auf unterschiedlichen Ebenen das Gleiche in unserem Stück. Wir glauben, dass es eine große Lust gibt, genau das zu sehen, was man auch erwartet. Durch die Handlungsanweisungen ergibt sich eine Art offengelegte Choreographie, die eine Bewegungsebene sichtbar macht, aber auch eine Geschichte erzählt. Wir hoffen, dass beim Zuschauer im Kopf ein Zusammenspiel stattfindet – zwischen dem, was gesagt wird und dem, was auf der Bühne passiert.

Was ist für Euch das Spannende an diesem Zusammenspiel?

In unseren Gesprächen bei den Proben, aber auch schon vorher, hat uns immer wieder die Frage beschäftigt, wie man das Produzieren eines Produkts und das Produkt selbst überhaupt voneinander abgrenzen kann. Wo fängt das eine an und wo hört das andere auf? Übertragen auf unsere Arbeit bedeutet das: Vier gleichrangige Erzähler versuchen, eine Handlung zu generieren und der Versuch, die Handlung zu erschaffen, ist dabei schon die Handlung selbst.

Ist das nicht auch eine Art Bloßlegen des Theaterapparats?

Es ist kein Spiel mit einer bestimmten Form von Illusion – es ist das, was es ist. (allgemeines Lachen) Um eine Selbstreflexion auf Theatermittel geht es uns dabei aber nicht. Es geht eher darum, dass ja auch das Theatermachen eine Handlung ist und damit eine Geschichte erzählt. Eine Grundfrage unseres Stückes lautet daher: Was wäre, wenn es keinen Unterschied zwischen Text und Welt, bzw. zwischen Theater und Welt, geben würde? Wenn also alles, was ich denke, auch sofort Wirklichkeit wird und wir gewissermaßen distanzlos an der Welt kleben. Was wäre dann? Vielleicht stellt unsere Arbeit diese Frage.

Was erhofft Ihr Euch von der Teilnahme am Körber Studio Junge Regie?

Wir sind alle noch nie dort gewesen und vor allem neugierig darauf, was und vor allem wie die anderen arbeiten. Wir hoffen, dass bei Tischgesprächen und in offenen Diskussionsrunden, die es ja geben wird, ein Austausch stattfindet, also ohne Wettbewerbs- und Konkurrenzgedanken.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Die Regisseure aus Gießen

Portraitfotos Tilman Aumüller & Jacob Bussmann & Bettina Földesi & Ruth Schmidt

Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina
Földesi und Ruth Schmidt

Das Regieteam kündigt ein Stück an, bei dem das Publikum genau das sieht, was es erwartet. Wenn alles was angekündigt wird unmittelbar ausgeführt wird, dann entsteht eine Einheit von Sprache und Handlung. Aber was wäre denn, wenn auch das Gedachte sofort Wirklichkeit werden würde? Die vier 29- bis 32-Jährigen lernten sich in Gießen kennen, wo sie Angewandte Theaterwissenschaft bzw. Choreographie & Performance studieren. Für die Produktion von Macchia arbeiteten sie zusammen mit Friederike Thielmann als Projektensemble des Tanzlabor21 am Mousonturm in Frankfurt.

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Sonntag, 25. Mai 2014, 15 Uhr & 17 Uhr – Aufführung aus Gießen

© Peter Weller

© Peter Weller

Macchia

Autoren
Text-Kollektiv Hoke (Tilman Aumüller,  Alexander Bauer, Jan Buck, Bernd Neumann, Ruth Schmidt)
Regie
Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina Földesi, Ruth Schmidt
Institution
Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen
Zum Stück
Jemand sagt: “Jemand geht zur Wand und” – und jemand geht zur Wand. Was gesagt wird, wird ausgeführt; das ist die Grundregel von “Macchia”, einem Spiel für vier ErzählerInnen und Ausführende. Die Anweisungen sind Spielzüge, die zwischen den SpielerInnen zur Verhandlung stehen, die Allianzen erzeugen und Missverständnisse provozieren. In diesem choreographischen Prozess, den man mitverfolgen kann, werden die Anweisungen zugleich zu Narrationen und jeder Anweisende zur Figur in der Erzählung eines Anderen. In der Spannung zwischen Fluxusscore und epischem Erzählen entsteht ein metaleptisches Labyrinth, in dem sich die PerformerInnen verlaufen, ähnlich der Legende vom chinesischen Maler, der in seinem eigenen Bild verschwindet.
Technik
Hendrik Borowski
Dramaturgie
Friederike Thielmann
Mitwirkende
Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina Földesi, Ruth Schmidt
Spieldauer
50 Minuten
Eine Zusammenarbeit im Rahmen von PET_12 zwischen Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen und Tanzlabor21 im Studienverbund der Hessischen Theaterakademie.

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