Juryurteil: “Das Leben ein Traum” aus Hamburg

Entlarvung der Posse durch die Posse

Tobias Herzbergs Sigismund erscheint für Nora Khuon als kraftvoller, tierhafter, unverbrauchter und urtümlicher Mensch, der in eine Gesellschaft kommt, die sich in ihrer Künstlichkeit stets ironisiert und bricht. Auf diese Weise versuche die Arbeit aus Hamburg ein Possenspiel mittels eines Possenspieles zu entlarven. Auch wenn Nora Khuon diesen Versuch ganz grundsätzlich als gute Aufschlüsselung goutiert, so greife er dennoch nicht immer. Die Spielstile, die sich nebeneinander auffächerten seien ihr schlicht nicht begründet verschieden genug. “Ich weiß gar nicht so ganz genau, wer weshalb wie spielt und sich welcher Mittel bedient”, sagt Khuon.

Matthias Quabbe hingegen freute sich an der Lautlosigkeit, mit der die Seitenwände umfielen – seiner Meinung “sehr sinnfällig, für das, was da versucht worden ist”, immerhin sei in diesem Moment etwas abgebildet, nicht etwa etwas bebildert worden.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Live-Kritik: “Das Leben ein Traum” aus Hamburg

Der König ist tot! Lang lebe der König!

Ein einsamer König, ein Prinz in Ketten und ein Volk, das vor allem anderen eine Veränderung will. Tobias Herzberg verzichtet in “Das Leben ein Traum” auf die märchenhafte Trennlinie zwischen Gut und Böse. Jeder Mensch ist das, was das Schicksal aus ihm gemacht hat. Gut und Böse können nicht voneinander getrennt werden.

Kommentar: Christoph Brüggemeier
Kamera: Angela Ölscher / Christoph Brüggemeier
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Tobias Herzberg und Julia Warnemünde von der Theaterakademie Hamburg im Interview

© Andreas Schlieter

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Metapher und Fleisch

Wo endet Realität? Wo beginnt Einbildung? Wo genau liegt der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Königspalast und Ziegenstall? Tobias Herzberg und Julia Warnemünde haben Aufeinandertreffen von Welten theatralisch inszeniert. Im Interview verraten die beiden wie.

“Das Leben ein Traum”, Montag, 26. Mai, 18.00 Uhr

Ihr tretet an mit Calderóns “Das Leben ein Traum”. Warum ein Stück aus dem 17. Jahrhundert?

Tobias: Die Entstehungszeit war kein Argument dafür oder dagegen, sondern seine thematische Grunddisposition: die lustige Tragödie. Es werden einerseits ganz existentielle Fragen verhandelt – die nach der Freiheit des Menschen, nach Manipulierbarkeit und nach der Unterscheidbarkeit von Leben und Traum. Andererseits hat es die klassischen Strukturen einer Komödie.

Was war schwieriger daran umzusetzen, das Komische oder das Tragische?

Julia: Das lässt sich so nicht sagen. Das Komödiantische ist wie eine Phase, wie ein Stück im Stück, während die eigentlich traurige Geschichte von Sigismund erzählt wird: des Königssohns, der von seinem Vater fernab der Zivilisation wie ein Tier gehalten wird.

Tobias: Wir sehen das Aufeinandertreffen von Welten. Darin zeigt sich das Wesen der Groteske.

Was sich ja auch in Euren überbordenden Kostümen zeigt.

Tobias: Ja, Claudio Pohle hat Kostüme gestaltet, die sich zwar am Barock orientieren, aber ebenso moderne Elemente haben. Zum Beispiel die Mühlsteinkrägen, ganz typisch Barock, die bei uns aus Schaumstoff sind. Dadurch entsteht eine Reflexion auf die Gemachtheit der Szene.

Habt Ihr das auch räumlich markiert?

Julia: Unsere Bühnenbildnerin Eylien König hat einen Rundhorizont entworfen, der wie ein Raum im Raum funktioniert. Die Schauspieler können sich außerhalb oder innerhalb bewegen. Wenn die Wände fallen, wird diese Grenze durchlässig.

© Andreas Schlieter

Szenenbilder aus Das Leben ein Traum

© Andreas Schlieter

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Tobias: Sigismund darf ja für einen Tag wirklich König sein. Wenn er später wieder in den Kerker kommt, soll ihm seine Regentschaft aber wie ein kurzer Traum erscheinen. Es war uns wichtig, diesen Grad der Inszeniertheit zu zeigen – die Wirklichkeit als menschengemachtes Konstrukt. Ich kenne kein Stück, in dem der alte Spruch “Den König spielen die Anderen” so sehr stimmt.

Wie habt Ihr das spielerisch umgesetzt?

Tobias: Fabian Baumgarten, der Darsteller, hat für Sigismund ein ganz intuitives Spiel entwickelt. Er zeigt ihn als jemanden, der sich blitzschnell von einem Eingesperrten in einen absoluten Herrscher verwandeln kann, sobald er verstanden hat, wie Macht funktioniert. Am Schluss wird Sigismund aber doch wirklich zum König.

Julia: Ja, durch einen Volksaufstand. Ein ganz konservativer Umsturz also, der sagt: Wir brauchen einen König! Da stellt sich natürlich die Frage, wo überhaupt das revolutionäre Potential ist, wenn die Revolution eigentlich einen Rückschritt bedeutet. Für uns gab es das zunächst nur in der Hauptfigur, die sich wie ein wildes Tier benimmt, also eine ganz anarchische Grundhaltung verkörpert. Aber der Denker im Stück ist Clarin, der Narr. Er hat vielleicht als einzige Figur eine Idee davon, dass es auch eine andere, eine utopische Gesellschaftsordnung geben könnte.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Der Regisseur aus Hamburg

© Andreas Schlieter

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Tobias Herzberg

Tobias lässt scherzen und dichten – und das in einer Tragödie. Es geht um die Freiheit des Menschen, um Manipulierbarkeit und die Unterscheidbarkeit von Leben und Traum. Der 28-jährige Jung-Regisseur lebt und träumt in Hamburg, wo er soeben sein Regie-Studium an der Theaterakademie abgeschlossen hat. Zuvor arbeitete er als Regieassistent am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und am Schauspiel Hannover, wo erste eigene Regiearbeiten entstanden. Mit “No Exit” nach dem Roman von  Daniel Grey Marshall wurde er 2008 zum Kaltstart-Festival eingeladen. Seine Inszenierung “Tel Aviv” nach der Erzählung von Katharina Hacker war 2011 für den Kölner Theaterpreis nominiert. Vor wenigen Wochen hat der Stipendiat des Ludwig Ehrlich Studienwerks “Titus Andronicus” nach Shakespeare auf dem Festival “150% made in Hamburg” aufgeführt.

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Montag, 26. Mai, 18.00 Uhr – Aufführung aus Hamburg

© Andreas Schlieter

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Das Leben ein Traum

Autor
Pedro Calderón de la Barca, bearbeitet von Soeren Voima
Regisseur
Tobias Herzberg
Institution
Theaterakademie Hamburg
Zum Stück
Sigismund ist ein heimlicher König. Vom Vater verbannt in einen dunklen Turm, weiß er sein Schicksal nicht zu deuten und lernt die Welt zu hassen. Bis eines Tages ein lichter Traum ihm ein Leben offenbart, das er nicht mit dem Erwachen ziehen lassen will. Leben und Traum entfesseln eine Revolution, in der die Annahme einer wahren Identität des Menschen zerbricht und die Sterne ihre Hoheit verlieren.
Dramaturgie
Julia Warnemünde
Regieassistenz
Max Kornprobst
Bühne
Eylien König, Felix Maue
Kostüme
Claudio Pohle, Hannah Barbara Dittrich, Moritz Ahrens
Musik
Sergio Vasquez Carrillo, Daniel Gerzenberg
Licht
Lars Rubarth
Hospitanz
Chia-Chen Lee
Mitwirkende
Fabian Baumgarten, Hendrik von Bültzingslöwen, Marek Egert, Daniel Gerzenberg, Marie Jordan, Hedi Kriegeskotte, Martin Maecker, Katharina Lütten, Oliver Törner
Spieldauer
75 Minuten

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© Andreas Schlieter

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