Juryurteil: “Borkman” aus Ludwigsburg

Das Ertränken eines Mannes in einer weiblichen Dominanz

Karl Baratta war vor allem vom infantilen Moment, das die Grundlage des Abends bildete, gefesselt. Die Psychologie der infantilen Lüste verbände er ohnehin mit dem Werk Ibsens. Der Regisseur Daniel Foerster schaffe es, die in Ibsens Textvorlage angelegte Neurose und Obsession freizusetzen. Es geht um Mutter-Wahnsinn, um das Ertränken eines Mannes in einer weiblichen Dominanz.

Tobias Becker hat sich lange Zeit amüsiert, bis er sich schlussendlich die Frage stellte: “Wo führt das hin?” Die grotesken Überzeichnungen nähmen dem psychologischen Realismus jede Tiefe – für Becker grundsätzlich ein interessanter Ansatz der Inszenierung. Letztendlich vermisst Becker im Stück jedoch einen ganz eigenen Ansatz mit Ibsen.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Put down this wild track, would you?” aus Salzburg

Zwischen fast nichts und nichts

Rascheln, rühren, drehen – wie Jana Vetten in ihrer Inszenierung mit Geräuschen arbeitet, hat Karl Baratta in einer solchen Feinheit noch nicht gesehen. Obwohl eigentlich nichts wirklich auf der Bühne passiert, hält das Stück ihn bei der Stange – warum vermag Baratta nicht zu enträtseln.

Matthias Quabbe hingegen bemängelt die sehr konkreten Texte. Ließ das Stück zu Beginn noch durch seinen atmosphärischen Zauber Raum für eigene Phantasie, führt das Stück letztendlich ganz woanders hin. Für Matthias Quabbe wurde so das Potential des Anfangs nicht ausgeschöpft, während Karl Baratta urteilt: “Ein sehr beachtliches Stück!”


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “The car piece” aus Amsterdam

Picknick in der Natur und Drogen-Road-Trip durch Westfriesland

Eine Frau ruft “Silence” und alles ist still – Matthias Quabbe war vor allem vom Beginn des Stückes “The car piece” beeindruckt. Das sehr facettenreiche Amsterdamer Stück spürt Bewegungen nach. Was bewegt sich? Was wird bewegt? Wo entsteht Bewegung? Besonders eindrucksvoll sei dies am Genital eines Mannes dargestellt worden, bemerkt Juror Quabbe.

Karl Baratta lobt indes besonders die Dekonstruktion des Autos: “Das Auto war in Wirklichkeit ein Mensch. Das hat mir dann irgendwie Leid getan, wie es zerfleischt wurde”, sagt der freie Dramaturg.

Quabbe stellt kritisch fest, dass sich durch die fragmentarische Struktur nicht immer die Zusammenhänge hergestellt hätten. Insgesamt für ihn jedoch: “Eine sehr schöne Arbeit” mit großartigen Ideen.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Steppengesänge” aus Hildesheim

Eine radikalisierte Utopie

Mit dem Stück “Steppengesänge” hat das Regieteam aus Hildesheim die Wahrnehmung des Publikums verschoben. Ständig liefert es mit Materialien und Medien neue Beglaubigungsmechanismen. Die verschiedenen Erzählungen von einer Reise in die Lausitz überlappen und verschieben sich. Schließlich folgt eine völlige Umkehrung der Bühnensituation, eine neue Erzählebene entsteht.

Nora Khuon findet auch den Text raffiniert. Wie dieser mit Mythen und Pathos umgehe und die Vorstellungswelt des Zuschauers aufgreift, ironisiert, bricht und anschließend wieder beglaubigt – das sei total simpel und funktioniere trotzdem, sagt Khuon.

Das Stück erzähle etwas über das Verhältnis vom Zuschauer zur Bühne und somit über das Verhältnis von Gesellschaften und Menschen. Auch Barbara Engelhardt war beeindruckt von dem Moment als Publikum und Performer sich auf der Bühne zu einer neuen Gruppe zusammenschlossen. Hier sei ein ein utopisches Moment aufgegriffen worden, bemerkt sie.

Tobias Becker findet die Arbeit auch theatertheoretisch interessant. Das selbstreflektive Nachdenken über Theater werde für die Geschichte fruchtbar gemacht. Mit dem Schluss entstehe aus der Reflexion sogar eine Poesie, urteilt Becker.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Gier” aus Frankfurt a. M.

Es blieb ein bisschen brav

Einen realistisch-psychologischen Zugriff hat Isabella Roumiantsev für ihr Stück “Gier” gewählt. Als Figuren treten normale, nicht überzeichnete Menschen auf. Leider sei das Stück dann nicht “auf einen immer noch schmerzvolleren Punkt zugesteuert”, bemerkt Nora Khuon. Der wahnsinnige Schmerz, die Brutalität, die große Depression aus Sarah Kanes Text sind nicht auf der Bühne angekommen, vielmehr sei dort lediglich eine “sanfte Neurose” zu sehen gewesen, sagt Khuon.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte” aus München, Otto-Falckenberg

Eine ziemlich ausgefuchste Formwahl

In seinem “Fall M.” verknüpft Florian Fischer unterschiedliche Spielweisen ebenso miteinander wie unterschiedliche Textvorlagen. “Extrem facettenreich und einfallsreich” gelänge ihm das, urteilt die Jurorin Barbara Engelhardt.

Das Stück stellt die Frage: Wer ist psychisch krank? Und wer entscheidet in einer Gesellschaft darüber, wer psychisch krank ist. Für Karl Baratta wird dabei die Gesellschaft “ungeheuer plastisch” dargestellt. Viele Risse und Spalten werden sichtbar, die man sonst nicht sieht. – Das Theater als “bizarres Erkenntnisinstrument”.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Gott ist ein DJ” aus Berlin

Fast unheimlich für so eine Studentenarbeit

Nora Khuon war “total beeindruckt” von Janne Nora Kummers “Gott ist ein DJ”. Sehr gefallen hat ihr, wie mit Schauspielern umgegangen wurde, wie mit Raum umgegangen wurde, wie einzelne szenenische Geschehen voneinander abgesetzt wurden und wie verschiedene Übersetzungen und Zitatebenen angespielt wurden. Das Stück thematisiert die Vermarktbarkeit des Selbst.

Was Nora Khuon bei diesem Thema jedoch fehlte, war die Brücke zum Jetzt. Sie glaubt, man hätte “Folien vom heute” darauf legen können, um nochmal “eine andere Brüchigkeit” herzustellen. Karl Baratta fand’s übrigens “völlig abgefahren” – aber im Guten.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Macchia” aus Gießen

Man lauert auf den Fehler im System

Gesagt, getan – der Text ist bei Macchia Gesetz, nur dass auch noch der Text live während des Stückes selbst entsteht. Das Spielprinzip hat Tobias Becker sehr schnell gefangen genommen.

Doch wie würden die Performer wieder aus dieser Versuchsanordnung heraus kommen? Würden sie sich Schach-Matt setzen, nicht mehr weiter spielen und warten, bis das Publikum genervt den Saal verlässt? Würden sie ewig weiter spielen, bis das Publikum ebenfalls genervt den Saal verlässt. Dass es letztendlich ein dritter Kniff wurde, enttäuschte Becker etwas. “Das nimmt eine Ausflucht”, urteilt der Kulturspiegel- Redakteur.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Die Affäre Rue de Lourcine” aus Wien

Es bleibt ein Oberflächenkonstrukt

In Nicolas Charaux‘ Bühnenbild gibt es das Oberirdische und das Unterirdische. Immer wieder tauchen die Figuren in das Unterirdische ab, erscheinen wieder im Oberirdischen. Es geht darum, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Hierbei vermisste Matthias Quabbe die Nuancen im Spiel. Die Abgründe werden, so Quabbe, nur im Setting sichtbar, in den Figuren rücken sie nicht weit genug nach vorne. “Es fehlt die Schärfe”, ergänzt Barbara Engelhardt.

Sehr beeindruckt war Michael Quabbe jedoch, als auf Bühne ein schwarzer Luftballon hin und her geworfen wurde – hier setzte Gravitation aus – ein Motiv, das sich Quabbe durchaus mehr in der Arbeit gewünscht hätte.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Philoktet” aus München, Everding

Zwischen Retortenband und Faschismusgruppierung

So etwas wie ein sozialmedizinisches Experiment sah Matthias Quabbe im Formations-Marsch von Sapir Hellers Philoktet. Eine Figur, Philoktet, wird aus der Gruppe herausgeschlagen, zwei weitere Personen setzen sich an das Technikpult.

Im Stück geht es um Machtverhältnisse – doch gerade diese seien im weiteren Verlauf des Stückes nur unzureichend durch Choreographie sichtbar gemacht worden, urteilt Quabbe. Zwischen der performativen Form zu Beginn und dem darauf folgenden Text sieht er eine große Diskrepanz, weswegen Sapir Hellers Stück für ihn insgesamt leider nicht aufging.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Das Leben ein Traum” aus Hamburg

Entlarvung der Posse durch die Posse

Tobias Herzbergs Sigismund erscheint für Nora Khuon als kraftvoller, tierhafter, unverbrauchter und urtümlicher Mensch, der in eine Gesellschaft kommt, die sich in ihrer Künstlichkeit stets ironisiert und bricht. Auf diese Weise versuche die Arbeit aus Hamburg ein Possenspiel mittels eines Possenspieles zu entlarven. Auch wenn Nora Khuon diesen Versuch ganz grundsätzlich als gute Aufschlüsselung goutiert, so greife er dennoch nicht immer. Die Spielstile, die sich nebeneinander auffächerten seien ihr schlicht nicht begründet verschieden genug. “Ich weiß gar nicht so ganz genau, wer weshalb wie spielt und sich welcher Mittel bedient”, sagt Khuon.

Matthias Quabbe hingegen freute sich an der Lautlosigkeit, mit der die Seitenwände umfielen – seiner Meinung “sehr sinnfällig, für das, was da versucht worden ist”, immerhin sei in diesem Moment etwas abgebildet, nicht etwa etwas bebildert worden.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Juryurteil: “Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk…” aus Zürich

Das Tolle an dem Abend ist, dass es egal ist, wenn was misslingt

Timo Krstins Stück ist gespickt von Verschwörungstheorien. Hier wird vorgetäuscht, alles habe einen kausalen Zusammenhang. Die Verschwörungstheorien schrauben sich nach oben, um letztendlich doch ins Leere zu laufen.

Dabei findet Barbara Engelhardt besonders die auktorialen Strukturen interessant. Diese würden in allen Variationen durchgespielt werden, aufgefächert und völlig überfrachtet, um dem Zuschauer eine eine Dechiffrierungsaufgabe zu stellen. Engelhardt bemerkt weiter, sie lasse sich ja gerne verwirren und überfrachten, doch irgendwann habe sie die Mechanismen von Verschwörungstheorien einfach verstanden.

Als plötzlich der Theaterabend in einer Rede gipfelte, in der der Untergang des Stadttheaters gefordert wurde, dachte sich Juror Tobias Becker: “Meinen die das ernst? Und: Können die das ernst meinen”, immerhin habe der Abend aus Zürich zuvor stets ironisiert und die Haltung propagiert: Alles was gesagt wird, ist im gleichen Moment schon wieder durchgestrichen worden. Letztendlich, scheine es, ginge es Regisseur Timo Krstin um ein Ringen darum, inwiefern es möglich sei, ernste Positionen zu beziehen – dieses Ringen fand Tobias Becker besonders faszinierend.

Nora Khuon hat einen “selbstironischen Abend” gesehen, während Matthias Quabbe “ab einem gewissen Punkt auf der Strecke” blieb. Für Karl Baratta hingegen trug sich der Abend selbst.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier