Juryurteil: “Borkman” aus Ludwigsburg

Das Ertränken eines Mannes in einer weiblichen Dominanz

Karl Baratta war vor allem vom infantilen Moment, das die Grundlage des Abends bildete, gefesselt. Die Psychologie der infantilen Lüste verbände er ohnehin mit dem Werk Ibsens. Der Regisseur Daniel Foerster schaffe es, die in Ibsens Textvorlage angelegte Neurose und Obsession freizusetzen. Es geht um Mutter-Wahnsinn, um das Ertränken eines Mannes in einer weiblichen Dominanz.

Tobias Becker hat sich lange Zeit amüsiert, bis er sich schlussendlich die Frage stellte: “Wo führt das hin?” Die grotesken Überzeichnungen nähmen dem psychologischen Realismus jede Tiefe – für Becker grundsätzlich ein interessanter Ansatz der Inszenierung. Letztendlich vermisst Becker im Stück jedoch einen ganz eigenen Ansatz mit Ibsen.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Live-Kritik: “Borkman” aus Ludwigsburg

“Es ist ein zerissenes Stück”

Aller Anfang ist Ibsen. Zum Auftakt des Körber Studio Junge Regie 2014 zeigte Daniel Foerster von der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg seine Ibsen-Adaption “Borkman”. Philip Grüneisen fand es laut und anstregend, war aber beeindruckt von der schauspielerischen Höchstleistung.

Kommentar: Philip Grüneisen
Kamera und Schnitt: Christoph Brüggemeier

Kritik: Daniel Försters Familie “Borkman” steht kurz vor der Einweisung

Szene aus "Borkman" (Daniel Förster) Foto: Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Zwangsjacken für die ganze Familie

In Henrik Ibsens Familiendrama “Borkman” buhlen Vater John Gabriel Borkman, Mutter Gunhild und ihre Schwester, Tante Ella Rentheim um Gunst und Einfluss von Sohnemann Erhardt. So verschieden die jeweiligen Gründe auch sein mögen, das Ziel bleibt gleich: Schadensbegrenzung.

Gabriel Borkman, gescheiterter Bankier und Exknasti träumt von seinem großen Comeback in der Finanzbranche und will, dass Erhardt ihm damit zur Seite steht. Gunhild sieht in ihrem Sohn die Möglichkeit das Ansehen der Familie wieder reinzuwaschen, indem er Karriere machen soll. Gabriels totkranke Jugendliebe Ella, bei der Erhardt hauptsächlich aufwuchs, wünscht sich seinen Beistand für finale Stunden. Erhardt hingegen möchte alldem nur noch den Rücken kehren und das am liebsten mit der Frau, für die sein Herz schlägt.

Es ist so laut, so unglaublich laut. Daniel Förster ist es definitiv gelungen den Hader der Rollen zu sich selbst und gegeneinander dem Publikum einzuprügeln, indem alle sieben Charaktere mit lediglich drei Schauspielern besetzt. Der dadurch entstehende abrupte Wechsel von einer Person in eine völlig andere, hebt die Konfliktstrukturen durch teilweise vulgäre und schrille Ausbrüche dermaßen brachial hervor, dass der Zuschauer hin und hergerissen ist, ob er nun mehr davon möchte oder nicht. Desweiteren ist es nicht immer leicht die momentan gespielte Rolle zuzuordnen, aufgrund (zu) schneller Abfolgen und teils schwammig ausgeführter körperlicher Gesten. Versöhnt wird man wiederum durch die spielerische Leichtigkeit, mit der die Brüche durchgeführt werden. Wenn zum Beispiel aus der hysterischen Mutter Gunhild plötzlich die Geliebte von Erhardt wird, sind absurd-amüsante Momente die Folge.

Szene aus "Borkman" (Daniel Förster) Foto: Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "Borkman" (Daniel Förster) Foto: Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "Borkman" (Daniel Förster) Foto: Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "Borkman" (Daniel Förster) Foto: Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Nicht nur die schauspielerische Umsetzung ist alles andere als naturalistisch, auch das Bühnenbild unterstreicht den Hang zur Verfremdung. Zehn mal zwölf Meter weißes Nichts, gesprenkelt mit etwas Kunstschnee. Zwei Plüschtiere, ein Zahnrad und eine kleine Plastikeisenbahn liegen wie kleine Farbklekse herum und warten darauf bespielt zu werden. Wird die weiße Fläche von einem der Akteure verlassen, verlässt dieser sofort seine Haltung.

Insgesamt jagt ein Verfremdungseffekt den nächsten. Daniel Förster möchte wohl um jeden Preis verhindern, dass der Zuschauer flüchtet in die bittersüße Welt geführter Fantasie. Stattdessen hat man danach schon fast selbst den Drang zur Familientherapie zu gehen.

Was uns am Donnerstag erwartet

Szenenbild Put down this wild track, would you?: n.a. / Szenenbild Borkman: © Robert Sievert

n.a. / © Robert Sievert

Pleite! Flucht! Blues!

Heute geht es los: Körber Studio Junge Regie – Tag eins. Bis zum Nachmittag werden die noch fehlenden Jurymitglieder erwartet. Um 18.30 wird das Festival feierlich eröffnet (Livestream). Auf der Theaterbühne wird es um Sehnsucht gehen. Und es werden einige Tode gestorben.

Borkman

Erhart steht unter unfassbarem Erwartungsdruck. Der Vater hat das ganze Geld und das Ansehen der Familie verspielt. Nun soll’s Erhart wieder richten. Die totkrankte Tante, bei der er aufgewachsen ist, wünscht sich jedoch seinen Beistand. Erharts Mutter hingegen drängt ihn dazu, Karriere zu machen. Erhart selbst möchte einfach nur mit der Frau, in die er verknallt ist abhauen; er will die alte verkorkste Welt, in die er gesetzt wurde überwinden.

Szenenbild Borkman | © Robert Sievert

Szenenbild Borkman

© Robert Sievert

Den massiven Zwist der Figuren mit sich selbst und zu einander steigert der Regisseur, indem beispielsweise der Darsteller von Erhart auch dessen Vater spielt. Überhaupt hat Daniel Förster die sieben Figuren aus Ibsens Stück mit nur drei Schauspielern besetzt. Der Wechsel von Alt und Jung geht dabei durchaus cholerisch vonstatten. “Permanente Alters- und Generationsschizophrenie”, nennt Daniel Foerster das, was hier auf der Bühne entstehen soll. Mutig und klug klingt das. Ob’s funktioniert, sehen wir heute Abend um 19 Uhr.

Put down this wild track, would you?

Wir möchten offen sein: Über das Stück, was uns da heute Abend um 21 Uhr erwartet ist uns kaum etwas bekannt.
Schon der Titel wirft Fragen auf. Ist mit “wild track” Tatsächlich jener Fachbegriff aus der Filmbranche gemeint, der eine seperate Tonaufnahme meint, die in der Postproduktion unter das gedrehte Filmmaterial geschnitten wird?

Szenenbild Put down this wild track, would you?

Szenenbild Put down this wild track, would you?

Dann die Kurzbeschreibung, die mit einem Zitat endet, das wohl vor 25 Jahren auf einem Bluesrock-Konzert gefallen sein soll.
Schließlich warfen wir den Blick auf einen Teil des Textes. Wird hier tatsächlich eine Gitarre ausgeführt – wie ein Hund?
Statt auf Antworten stoßen wir auf immer neue Fragen. Doch vielleicht ist genau das gerade die Qualität, dieses Stückes. Hier wird eher hinterfragt statt gewusst; es wird geliebt, getrauert, sinniert. Es geht um den Blues als Lebensgefühl. Er verbindet drei Menschen – drei Geschichten.
Wir freuen uns auf eine Aufführung mit melancholischer Musik, zauberhaften Bildern und ein wenig Tiefsinn.

An die Insider: Ihr wisst mehr als wir über die Stücke als wir? Ab damit in die Kommentarbox unten auf dieser Seite! Danke für eure Mithilfe.

Regisseur Daniel Foerster von der Akademie für Darstellende Kunst aus Ludwigsburg im Interview

Banner Daniel Foerster

© Lydia Huller

Feierlicher Textterrorismus

Er hat Ibsens Gabriel Borkman modernisiert, ohne ihn in ein modernes Gewand zu packen. Daniel Foerster erklärt im Interview, mit welcher Rhythmik er die Dynamik von Jung und Alt inszenieren möchte.

“Borkman”, Donnerstag, 22. Mai, 19.00 Uhr

Du bist erst im dritten Jahr, Dein Stück ist keine Abschlussinszenierung. Hat Dich Deine Nominierung überrumpelt?

Ja total! Aber ich freue mich, das Stück auch mal außerhalb Ludwigsburgs zu zeigen – und dann noch vor einer Fachöffentlichkeit. Unsere Schule geht ja sehr offen mit Theorie und Praxis um, wie wir uns einem Stück nähern; ich bin gespannt, wie es ist, wenn die Vorgaben anderer Hochschulen strenger sind.

Du beschäftigst Dich mit Hendrik Ibsens Gabriel Borkman – einem Stück aus dem 19. Jahrhundert. Was macht für Dich die Aktualität dieser Geschichte aus?

Die zentrale Frage in der Familiengeschichte um Borkman ist: Was bedingt mich? Und: Will ich diese alte Welt überwinden? Dabei geht es nicht unbedingt darum, das ‚Alte‘ zu besiegen oder auszuklammern. Für mich hängt das auch damit zusammen, wie ich mit meiner eigenen Bürgerlichkeit umgehe – gerade im Kontrast zur künstlerischen Arbeit als Regisseur.

Wie zeigt sich dieser Konflikt in Deiner Inszenierung?

Borkman handelt von einem Patriarchen, der nach einem Betrug im Gefängnis landet, nach Hause zurückkehrt und völlig verändert wiederkommt. Sein Sohn soll nun die Ordnung des Hauses wiederherstellen, kann dem Erwartungsdruck aber nicht standhalten. Diesen Zwist habe ich gesteigert, indem zum Beispiel der Darsteller vom Vater Borkman auch seinen Sohn spielt. Jeder Spieler befindet sich also in einer permanenten Alters- und Generationenschizophrenie.

© Robert Sievert

Szenenbilder aus Borkman

© Robert Sievert

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© Robert Sievert

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Hast Du das ins Heute übersetzt?

Nein, gar nicht. Wir haben ein Setting gebaut, das genauso gut Eishöhle wie Müllberg oder Kinderzimmer sein könnte. Ich wollte von vornherein keinen naturalistischen Zugang – eben auch bei den Schauspielern nicht. Mir war viel wichtiger, dass man die Ebene der Verfremdung, also das Spielen der Eltern, die ‚Betrachtung‘ des Stücks auch mitbekommt.

Inwiefern?

Es kommt immer wieder zu chorischen und isolierten Episoden, die den Wechsel von Alt zu Jung rhythmisieren. Bei den Proben ist uns außerdem aufgefallen, dass die Figuren wahnsinnig viel ‚rumlabern‘. Ella braucht zum Beispiel dreißig Seiten um zu sagen, dass sie ihren Sohn liebt. Wir wollten auch dieses terroristische Potential eines überbordenden Textes umsetzen.

Was hat das für Deine Arbeit als Regisseur bedeutet?

Dass ich mich auf der rhythmisch-musikalischen Ebene völlig auf die Energien der Schauspieler einlassen musste. Es war ein äußerst gleichberechtigter Probenprozess. Wir haben sogar ein gemeinsames Ritual entwickelt: Kurz bevor der Vorhang sich hebt, stellen wir uns im Kreis auf die Bühne und heben die Hände. Dann werden wir von den Scheinwerfern angestrahlt und schreien: „Ibsen, Ibsen, Ibsen“ – eine Art Beschwörung des großen Theatergeistes. Beim Körber Studio Junge Regie fehlt der Eiserne Vorhang – wer weiß, vielleicht zeigen wir das diesmal gar als Auftakt unseres Stücks.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Der Regisseur aus Ludwigsburg

© Lydia Huller

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Daniel Foerster

Gerade hat er den Nachwuchspreis für “Tanzen! Tanzen!” beim Heidelberger Stückemarkt 2014 gewonnen – und schon tritt er beim Körber Studio Junge Regie an. Dass er überhaupt nominiert wurde hat den 27-Jährigen total überrascht – immerhin hat er keine Abschlussinszenierung vorzuweisen. Ein alter Hase ist Daniel Förster trotzdem: Schon seit 2005 realisiert er eigene Projekte als Autor und Regisseur bei den Jungen Akteuren vom Theater Bremen, am Deutschen Theater in Göttingen und am TiK Berlin. Er assistierte und hospitierte am HAU Berlin, bei den Wiener Festwochen, am Theater Freiburg und am Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2011 studiert er Regie an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg.

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Donnerstag, 22. Mai 2014, 19.00 Uhr – Aufführung aus Ludwigsburg

© Robert Sievert

© Robert Sievert

Borkman

Autor
Henrik Ibsen
Regisseur
Daniel Foerster
Institution
Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg
Zum Stück
“Es passiert zwar nichts Neues. Aber das, was passiert ist, das wiederholt sich auch nicht. Die Perspektive verändert die Tat.” Acht Jahre Schweigen im Hause Borkman – jeder träumt für sich allein. Irgendwann kommen die glücklichen Tage schon wieder! John Gabriel Borkman braucht nur eine zweite Chance, seine Frau und die ehemalige Geliebte brauchen dessen Sohn Erhard. Der will aber alle Familienbande kappen. Endlich frei sein! Endlich selbstbestimmt sein! Der Sohn wird zum Vater, die Mütter werden wieder zu Töchtern. Doch sitzen in den Kindern die Eltern. Drei Figuren wandern durch Ibsens Eislandschaft zerstörter Kinderträume und suchen nach einem Umgang mit der Welt, die uns die Eltern hinterlassen.
Ausstattung
Lydia Huller
Regieassistenz
Mia Göhring
Dramaturgie
Jeffrey Döring
Mitwirkende
David Korbmann, Paula Thielecke, Anne Greta Weber
Spieldauer
80 Minuten

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© Robert Sievert

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