Juryurteil: “Philoktet” aus München, Everding

Zwischen Retortenband und Faschismusgruppierung

So etwas wie ein sozialmedizinisches Experiment sah Matthias Quabbe im Formations-Marsch von Sapir Hellers Philoktet. Eine Figur, Philoktet, wird aus der Gruppe herausgeschlagen, zwei weitere Personen setzen sich an das Technikpult.

Im Stück geht es um Machtverhältnisse – doch gerade diese seien im weiteren Verlauf des Stückes nur unzureichend durch Choreographie sichtbar gemacht worden, urteilt Quabbe. Zwischen der performativen Form zu Beginn und dem darauf folgenden Text sieht er eine große Diskrepanz, weswegen Sapir Hellers Stück für ihn insgesamt leider nicht aufging.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Kritik: Wenig Text mit starken Bildern bei “Philoktet” aus München (August Everding)

Szenenbild Philoktet

© Krafft Angerer

Crying at the discothèque

Sapir Heller destilliert aus der antiken “Philoktet”-Geschichte ein Gruselkabinett der Kriegsschrecken – eindringlich und lange nachhallend.

Acht Seiten. Auf knappe acht Seiten hat die Regisseurin Sapir Heller den Text des antiken “Philoktet”-Dramas eingedampft. Leichte Zweifel bei der Lektüre des Textbuchs – wie soll derart knapp, derart stilisiert der Philoktetes-Mythos erzählt werden? Nach wenigen Augenblicken wird klar: der Mythos wird nicht erzählt – und muss auch nicht erzählt werden. Denn Sapir Heller von der Münchner Theaterakademie nimmt das antike Drama als Assoziationsraum und als Motiv-Fundus – ein sehr eindringlicher Ausgangspunkt für ihre lautstarke Meditation über Krieg und Einsamkeit, über Zugehörigkeit und Ausgestoßensein, über Entmenschlichung und das Wiederfinden der Sprache.

Dass diese doch sehr kühne Transferleistung aufgeht, ist in erster Linie den starken Bildern zu verdanken, die Sapir Heller in ihrer Inszenierung kreiert – und in zweiter Linie einer bemerkenswerten Ensembleleistung geschuldet. Philoktet, der fußlahme Held, der nach einem Schlangenbiss zum Invaliden wird und wegen seiner schwärenden, stinkenden Wunde am Fuß auf eine Insel verbannt wird, muss reaktiviert werden, weil eine Prophezeihung voraussagt, dass nur durch die Mitwirkung Philoktets der Trojanische Krieg gewonnen werden kann. Der hatte sich jedoch geschworen, nie wieder auf der Seite der Griechen anzutreten, die ihn einst so sehr im Stich gelassen hatten.

Sapir Heller reduziert den Mythos auf eingängige Motive und packende Bilder – Philoktet, der mit seiner nässenden Fußwunde an einem Poller festgebunden ist und sich verzweifelt im Kreis bewegt, stolpert, fällt, aufsteht: diese Figur durchleidet die gesamte Skala zwischen Zugehörigkeit und Ausgestoßensein. Derweil tobt die Mechanik der Kriegsmaschinerie um ihn herum, zu straffen Rhythmen ziehen die Soldaten in Formationen über die Bühne. Der zackige Drive der Aufführung schafft ein ganz eigenes Zeitgefühl – und eine ganz besondere Tiefe und Intensität.

Einen Gegenwartsbezug erhält die Inszenierung unter anderem durch eine “Werbepause”, in der Werbevideos von Armeen gezeigt werden – unter anderem gut abgehangene Ware vom österreichischen Bundesheer.

Das Ganze sieht ein wenig so aus, als hätte der Ausstatter der “Raumpatrouille Orion” ein wenig zu sehr vom Crystal Meth genascht – was aber vorzüglich mit dem Tempo der Inszenierung und der Wucht der Bilder korrespondiert. Der Text – ein Amalgam von Sophokles- und Heiner-Müller-Texten – wird gestammelt, geschrien, verkündet, nach Art einer Psalmodie zelebriert. Dass die Persiflage von Bühnen-Marotten wie die ewige Konsonantenspuckerei genau ein einziges Mal witzig ist und danach einfach nur nervt: geschenkt.

Insgesamt ein starker, bildmächtiger Theater-Abend – nicht zuletzt deswegen, weil Sapir Heller den Mut hatte, den antiken Mythos zu entkernen und in Bilder zu übersetzen, die lange nachhallen.

Sapir Heller und Tamara Pietsch von der Bayerischen Theaterakademie August Everding im Interview

Banner Sapir Heller

Everybody. Dance. Now.

Ihr “Philoktet” möchte es deutlich machen: Menschen lassen sich widerspruchslos von der Kriegsmaschinerie mitziehen – auch heute noch. Im Interview berichtet die Israelin von ihrem persönlichen Schicksal als Kriegsverweigerin.

“Philoktet”, Sonntag, 25. Mai, 21.00 Uhr

In Eurer Ankündigung heißt es: “In Sapir Hellers Inszenierung wird Philoktet zum aktiven Kriegsverweigerer, zum Hinkebein und Stinkefuß”. Das klingt nach einer starken Transformation der antiken Vorlage.

Sapir: Die Idee, Philoktet zu einem aktiven Kriegsverweigerer zu machen, war eine sehr persönliche, autobiografische Entscheidung. Ich komme aus Israel und habe dort den Militärdienst verweigert, weswegen ich verfolgt wurde und schließlich sogar geheiratet habe, um dort nicht hin zu müssen. Das erklärt auch, warum Philoktet bei uns von einer Frau gespielt wird.

Dann verfolgt Ihr eine politische Aussage?

Sapir: Wir wollen mit dem Stück zum Nachdenken anregen und nicht die eine Aussage treffen. Natürlich spielt es eine Rolle, dass ich in einem Land groß geworden bin, in dem ständig Krieg herrscht und die Menschen blind an etwas glauben. Das ist auch in unserem Stück so: Die Kriegsmaschinerie steht wie eine große Macht, eine abstrakte Größe über allem und treibt die Figuren oder die Masse voran.

Ihr gebt an, mit den Textfassungen von Sophokles und Heiner Müller gearbeitet zu haben.

Tamara: Ja, wobei man eigentlich sagen kann, dass wir ein neues Stück rund um den Philoktet-Mythos geschrieben haben. Neben den Texten von Sophokles und Müller verwenden wir auch Fremdtexte. Generell ist Philoktet für uns ein sehr physischer Mythos: Es wird von dem Gestank gesprochen, den seine Wunde absondert, davon, dass er humpelt, sich nicht normal bewegen kann. Die Darstellerkörper stehen bei uns stark im Vordergrund – das ist Sapir in ihren Arbeiten grundsätzlich sehr wichtig.

Sapir: Ja, ich verwende in meinen Inszenierungen wenig Text, weil ich das Gefühl habe, dass Sprache, wenn man sie im konventionellen Sinne verwendet, zu schnell definiert und konkretisiert. Es gibt daher auch den Versuch in unserem Stück, die Sprache als eine Art Klangmaterial zu verwenden.

Kannst Du das näher ausführen?

Sapir: Wir haben uns die Frage gestellt, was es bedeutet, zehn Jahre lang alleine auf einer Insel gelebt zu haben wie Philoktet. Jemand, der keine Sprache gehört und mit niemandem geredet hat. Und auf einmal kommen Leute auf die Insel und sprechen! Da geht es zunächst nicht um Inhaltliches, sondern um den reinen Klang der Sprache.

Was kann der Körper, was die Sprache nicht kann?

Sapir: Wenn man mit dem Körper arbeitet, öffnet sich darüber hinaus eine Ebene, die Spannungen im Raum erzeugt und Platz für Assoziationen lässt. Das Nicht-Gesprochene, also die physische Arbeit, steht bei uns absolut im Fokus. Deswegen freuen wir uns auch über die Teilnahme am Körber Studio und über den diesjährigen Schwerpunkt … abgesehen davon, dass wir natürlich gewinnen wollen! (lacht)

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Die Regisseurin aus München (August Everding)

Portraitfoto Sapir Heller

Sapir Heller

Sie ist eine 25-jährige Frau, sie hat den israelischen Militärdienst verweigert, wurde deswegen verfolgt, bis sie heiratete, um nicht mehr eingezogen werden zu können. Sapirs Stück handelt von Philoktet – bei ihr ebenfalls eine Frau, die den Kriegsdienst verweigert. Als Hinkebein und Stinkfuß inszeniert Sapir ihren Philoktet mit einiger Distanz zur antiken Vorlage, aber dafür mit umso großer autobiographischen Nähe. Seit sechs Jahren lebt die junge Regisseurin in München, wo sie bald mit der hier aufgeführten Diplominszenierung ihr Regie-Studium an der Bayerischen Theaterakademie August Everding abschließen wird. Zuletzt inszenierte sie “Ding” von Hanoch Levin, “Maria de Buenos Aires” von Astor Piazolla und “Für mich soll’s rote Rosen regnen” von James Edward Lyons.

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Sonntag, 25. Mai, 21.00 Uhr – Aufführung aus München (Bayerische Theaterakademie August Everding)

Philoktet

Autoren
nach Sophokles, Müller und Anderen
Regisseurin
Sapir Heller
Institution
Bayerische Theaterakademie August Everding und Hochschule für Musik und Theater München mit dem Studiengang Regie
Zum Stück
Der Trojanische Krieg – Tummelplatz der Götter und Helden, Blaupause für den Krieg an sich. Der verwundete Philoktet als Versehrter, der für jegliches Heldentum ungeeignet scheint, fristet zehn Jahre in Einsamkeit, bis schließlich vor den Toren Trojas der Orakelspruch ergeht, die Stadt könne nur mit Hilfe Philoktets eingenommen werden. Odysseus und Neoptolemos stechen in See, um den einst Aussortierten zu überzeugen, aufs Schlachtfeld zurückzukehren. In Sapir Hellers Inszenierung wird Philoktet zum aktiven Kriegsverweigerer, zum Hinkebein im Gleichschritt des Kriegsalltags. Im Wechselspiel zwischen Sprache, Körper und Musik entsteht eine Kampfzone, die Sophokles und Heiner Müller, Pop-Trash und Hörspielkunst, Choreographie und Improvisation, System und Abweichung aufeinander hetzt.
Ausstattung
Raissa Kankelfitz
Dramaturgie
Tamara Pietsch
Licht
Benjamin Schmidt
Maske
Alisia Schreiner
Musik
Kim Ramona Ranalter, Jonathan Huber
Regieassistenz
Georg Lichtenegger
Mitwirkende
Kim Ramona Ranalter, Samantha Ritzinger, Jenny Schinkler, Sara Tamburini, Jonathan Huber, Leif Eric Young
Spieldauer
90 Minuten

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