Juryurteil: “Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte” aus München, Otto-Falckenberg

Eine ziemlich ausgefuchste Formwahl

In seinem “Fall M.” verknüpft Florian Fischer unterschiedliche Spielweisen ebenso miteinander wie unterschiedliche Textvorlagen. “Extrem facettenreich und einfallsreich” gelänge ihm das, urteilt die Jurorin Barbara Engelhardt.

Das Stück stellt die Frage: Wer ist psychisch krank? Und wer entscheidet in einer Gesellschaft darüber, wer psychisch krank ist. Für Karl Baratta wird dabei die Gesellschaft “ungeheuer plastisch” dargestellt. Viele Risse und Spalten werden sichtbar, die man sonst nicht sieht. – Das Theater als “bizarres Erkenntnisinstrument”.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Spannung liegt in der Luft: Hier einigt sich die Jury auf den Gewinner

Es ist der 27. Mai 2014, 0:17 Uhr, als sich die Jury nach einer langen enthusiastischen Debatte endlich auf einen Sieger des Körber Studios Junge Regie einigen kann.

Wir dokumentieren die spannenden Momente der Entscheidungsfindung, in der die Produktionen aus Hildesheim, München (Falckenberg) und Zürich zunächst ganz weit vorne lagen. Doch zum Schluss konnte es nur einen Gewinner geben.

Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Kritik: Florian Fischer erzählt düster und beklemmend “Der Fall M. – eine Psychiatriegeschichte”

Szene aus "Der Fall M." | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Alle(s) gaga?

Der diesjährige Beitrag der Otto-Falckenberg-Schule in München hüllt den Samstagabend in albtraumhafte Enge und sorgt für rätselnde, erschöpfte Zuschauer. Im positiven Sinne.

So genau weiß Elly M. nicht was gerade mit ihr geschieht. Was stimmt nicht mit ihr, ist sie wahnsinnig? Was wird ihr konkret zur Last gelegt? Die Grundschullehrerin Elisabeth Maldaque aus Regensburg wird Anfang des Jahres 1930 in ein Sanatorium eingewiesen. Wenige Tage danach ist sie tot.

Ödon von Horváths Stoff aus “Der Fall M. – eine Psychiatriegeschichte”, Franz Kafkas “Der Prozess” und nicht zuletzt das Schicksal des Gustl Mollath liefern thematische Vorlagen zu diesem mitreißenden Theaterstück.

Was ist Recht? Wer hat zu befinden was rechtens und gesund ist?

Nur zwei Fragen, welche Regisseur Florian Fischer mit seiner universitären Abschlussarbeit “Der Fall M. – eine Psychiatriegeschichte” bei dem diesjährigen Körber Studio Junge Regie Festival 2014 sich und somit die gesamte Zuschauerschaft mahnend fragt. Ich finde mich von Anfang an in einen düsteren Bann gezogen, der sich auch erst mit dem Abschlussapplaus zu lösen beginnt.

Fischer versteht es geschickt, einem die Enge einer Pflegeanstalt auf mannigfaltigste Art aufzuzwingen. So ist das Publikum anfangs einem aus der Kulisse strahlenden, weiß-bläulichem Licht ausgesetzt und wird beinahe belästigt. Zusätzliche Soundeffekte, in jenem Fall eine Art elektronisches Störgeräusch und Fiepen, unterstützen das gesamte Stück und hüllen es, zusätzlich zur ohnehin schon bedrückenden Handlung, in ein beklemmend düsteres Gewand.

Die erste Hälfte des Stückes gehört Elly M. Sie muss sich den Anschuldigungen vierer Ärzte stellen: sie sei verrückt. Sie möchte das Krankenhaus verlassen, was ihr verwehrt wird. Fischers geschickter Bühnenaufbau, eine aus zerfledderten Kartons bestehende Kulisse, begrenzt den Spielraum und scheint auch die Sitzplätze einfangen zu wollen. Man ist in dem Stück, in der Szenerie, wie in einem bösen Traum, gefangen.

Schauspielerisch beachtlich umgesetzt, wobei hier Christopher Heisler, Alumni in spe der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin, welcher in der zweiten Hälfte des Stückes als ein männlicher M. die Szenerie betritt, deutlich hervorzuheben ist. Ihm nimmt man das ‘Unnormale’ einfach ab. Im positiven Sinne. Seine Verkörperung des, anscheinend, geistig verwirrten und akribisch, pedantischen M., eine Rolle angelegt an den bekannten Fall des Gustl Mollath, setzt hohe Maßstäbe und ist mit ein Grund für das ansprechende Gesamtbild dieser Aufführung.

Leider scheint der Zuschauer teilweise durch die immense Flut an Thematiken und vermeintlicher Motiven überfordert: es würde beinahe für drei Arbeiten des selben Umfangs reichen.

Wer ist M.?

Du? Ich? Vielleicht ja wir alle?

Diese Fragen bleiben bestehen, auch nach Ende des Stückes.

Im positiven Sinne.

Live-Kritik: “Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte” aus München (Otto Falckenberg Schule)

“Des war gut, ne?”

Alles ist bedrückend und beengend an Florian Fischers Inszenierung “Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte”. Am Ende fragt sich der Zuschauer: Was ist Verrückt-Sein? Wer ist M.? Sind wir M.? Könnte ich selber M. sein? Betrifft es mich? – Für unseren Kommentator David Pechmann ist “Der Fall M.” das bisherige Highlight des Festivals.

Kommentar: David Pechmann
Kamera: Angela Ölscher
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Was uns am Samstag erwartet

n.a./ © Robert Sievert

n.a./ © Robert Sievert

Heute ist Psycho-Tag!

Sie haben ein ernsthaftes Problem – die Figuren der heute aufzuführenden Stücke: Sie verlieren die Kontrolle über ihr Leben. Unkontrollierte Gedankenfetzen machen sich im Kopf des Protagonisten aus “Gier” breit, während Elly im “Fall M.” damit umgehen muss, für verrückt erklärt worden zu sein. Mit einem quasi ferngesteuerten Paar, das alles für seine Außenwirkung tut, wird heute schließlich ein lange Theaterabend enden.

Gier

Szenenbilder aus Gier | © Robert Sievert

Szenenbilder aus Gier

© Robert Sievert

Vier Stimmen in nur einem Kopf: Mit Gier bringt Isabella Roumantsev heute Nachmittag eine multiple Persönlichkeitsstörung auf die Bühne. Getrieben werden die Stimmen von Assotiationsfetzen. Klare Raum- und Zeitverhältnisse werden aufgelöst. In “Gier” wird ein lange verdrängtes Trauma aufgearbeitet. Stakkatoartig überkommen dem Protagonisten meist negative Sinnfetzen. Das Vokabular des Stückes weist mehr “Nein” als “Ja” auf, mehr “Schmerz” als “Ordnung”.

Häufigkeit der Wörter in Gier von Sarah Kane

Häufigkeit der Wörter in Gier von Sarah Kane

Ja, die Aufführung aus Frankfurt am Main ist abstrakt und kompliziert. Wir erwarten ein rhythmisiertes Stück voller Brüche, voller Reibungspunkte – reichlich ausgestattet mit vulgärer Sprache.

Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte

Letzendlich gleicht die Story, die Florian Fischer hier heute Abend aufführt, einen Alptraum. Verleumdet, abgeführt und eingewisen in eine psychiatrische Klinik – Elly M. befindet sich in einer ausweglosen Lage. Jeder hält sie nun plötzlich für wahnsinnig – und es gibt kein Entkommen.

Szenenbild aus Der Fall M. | © Federico Pedrotti

Szenenbild aus Der Fall M.

© Federico Pedrotti

Krank oder gesund? Schuld oder Unschuld? Fiktion oder Realität? – Die Grenzen verschwimmen. In seinem “Fall M.” setzt sich Florian Fischer mit den Machtmechanismen von Medizin und Justiz auseinander. Was passiert, wenn fremde Institutionen und Behörden die Deutungshoheit über das eigene Leben erlangen?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, integriert Florian Fischer Klassiker wie Kafkas “Prozess” oder von Horváths “Lehrerin von Regensburg” ebenso in seine Inszenierung, wie den aktuellen Fall Mollath. Ob es ihm gelingt, diesen doch recht weiten Bogen zu spannen, sehen wir heute Abend um 19 Uhr.

Gott ist ein DJ

Janne Kummer führt heute Abend ein historisches Stück auf. “Gott ist ein DJ” entstand in den 90er Jahren. Es geht um die Selbstinszenierung junger Menschen, um die Vermarktung des des eigenen Lebens – ein hochaktuelles Thema in Zeiten sozialer Medien und Blogs.

Szenenbild von Gott ist ein DJ

Szenenbild von Gott ist ein DJ

Doch trotzdem: Die Berliner Regisseurin belässt das Stück dort, wo es herkommt: In den 90er Jahren. Erst durch Verfremdungseffekte möchte die Regisseurin den eigentlichen Kern des Themas offenlegen. Wie wird Identität generiert? Was passiert, wenn Intimes öffentlich zur Verhandhandlung gestellt wird?

Wir freuen uns auf ein zeitgemäßes Thema, das in unzeitgemäßem Gewand in Erscheinung tritt. Besonders gespannt sind wir auf das Bühnenbild – ein überdimensionaler, bewohnbarer Rubik’s Cube mit einer Botschaft: So sehr du dich auch bemühst, ein stimmiges Bild deiner Persönlichkeit herzustellen – es wird dir nicht so einfach gelingen.

Regisseur Florian Fischer von der Otto-Falckenberg- Schule München im Interview

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

Verückter Idealismus oder “Wer hat dich so krank gemacht?”

Kafka und Horváth vereint in einem Stück – das hat sich Regisseur Florian Fischer vorgenommen. Im Interview erläutert der junge Regisseur die Machtmechanismen von Justiz und Medizin.

“Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte”, Samstag, 24. Mai, 19.00 Uhr

Für die Falckenberg-Schule gilt ja das Credo: Persönlichkeit und Phantasie. Wie hat sich das in Deiner Theaterarbeit niedergeschlagen?

Das heißt, dass nicht das Handwerk im Vordergrund steht, sondern die Selbstinvolviertheit. Bei meiner Stück-Kombination “Der Fall M. – Eine
Psychiatriegeschichte” nach Motiven von Franz Kafka, Ödön von Horváth und anderen, war das der Ort der Psychiatrie. Als eine Art Gegen-Ort der  Gesellschaft hat mich das total gefesselt. Besonders da gerade der Fall Gustl Mollath durch alle Medien ging.

Mollath war ja sieben Jahre lang aufgrund eines umstrittenen Gerichtsbeschlusses in der Geschlossenen. Wie passt das mit Horváths Geschichte Die Lehrerin von Regensburg zusammen?

Hier wird ein ähnlicher Fall beschrieben, der allerdings noch tragischer endet: Die Volksschullehrerin Elisabeth Maldaque wurde in den 30er Jahren wegen kommunistischer Ideen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und starb dort nach nur elf Tagen. Meine Assoziationen reichten sofort weiter zu Kafkas Prozess und seiner Torhüter-Parabel.

Was vereint diese Texte für Dich?

Dass es einen Justizirrtum gibt, dem der Protagonist völlig ausgeliefert ist. Dadurch entsteht ein Verhältnis, das nur durch die machthabende Instanz dominiert wird. Sie hat die Deutungshoheit! Justiz und Medizin sind hier völlig austauschbar. Genau diese Mechanismen haben mich interessiert.

Was bewirken diese Mechanismen?

Es ergeben sich auf jeden Fall körperliche Merkmale. Vor allem die Frage nach der zu großen Geste, nach dem ‚Zuviel‘: Wann kommt es zu Übersprungshandlungen? Oder wird man sogar erst verrückt, wenn man schon eingewiesen ist? Das habe ich besonders im Fall Mollath verfolgt. Der schrieb zehn Jahre lang unentwegt Briefe, unter anderem an den Papst und an Theodor Heuss, der aber zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre tot war!

© Federico Pedrotti

Szenenbilder aus Der Fall M.

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

Wie bist Du an dieses Material gekommen?

Ich habe den 1.500-seitigen Aktenbestand des Falls gelesen und die Youtube-Videos gesehen, die er selbst aus der Gefängnistoilette verschickt hat. Wir verwenden dieses Material aber nicht direkt für unser Stück.

Hast Du Dir das Stück zusammen mit Deinen Schauspielern erarbeitet?

Ja, ich habe versucht extrem demokratisch zu proben. Auch wenn ich am Schluss natürlich Entscheidungen treffen musste. Das passendste Bild dafür ist das einer Sanduhr: Am Anfang ist da ganz viel Sand und alle sind involviert. Am Schluss, wenn nur noch wenige Körner übrig sind, filtert einer das Substrat heraus.

Wieso ist Dir diese Arbeitsweise wichtig?

Jeder verlorene Kopf, jede verlorene Idee ist ein großer Verlust. Das einzig Politische am Theater ist letztlich der Produktionsprozess. Ich finde, hier müssen wir ansetzen und verändern – besonders als junge Regisseure.

>> Weitere Informationen zum Regisseur
>> Alle Kritiken und Beiträge zum Stück aus München (Otto-Falckenberg-Schule)

Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Der Regisseur aus München (Otto Falckenberg)

© Federico Pedrotti

Florian Fischer

Er arbeitete sich durch den 1.500-seitigen Aktenbestand des Falls Mollath und spürte der Deutungshoheit von Justiz und Medizin nach. Gefesselt von der Psychiatrie als Anti-Ort der Gesellschaft knüpfte er an Kafkas „Prozess” und Horváths „Lehrerin“ an und entwickelte ein Stück über Justizirrtümer, Machtverhältnisse und Wahnsinn. Dass Florian bereits Philosophie, Geschichte und Anglistik studiert hat, konnte er sich bei der Arbeit am „Fall M.“ sicherlich zunutze machen. Als Regiestudent an der Otto-Falckenberg-Schule inszenierte er bereits E.T.A. Hoffmanns Sandmann, Heinrich von Kleists Homburg ohne Traum, Oliver Czesliks Heilige Kühe und Uli Oesterles Hector Umbra. Er assistierte bzw. hospitierte u.a. bei Meg Stuart, Johan Simons, Michael Thalheimer und Stefan Pucher.

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Samstag, 24. Mai, 19.00 Uhr – Aufführung aus München (Otto-Falckenberg-Schule)

© Federico Pedrotti

© Federico Pedrotti

Der Fall M. – Eine Psychiatriegeschichte

Autoren
Franz Kafka, Ödon von Horváths
Textfassung: Florian Fischer, Tobias Staab
Regisseur
Florian Fischer
Institution
Otto-Falckenberg-Schule München
Zum Stück
Jemand musste Elly M. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, fand sie sich eines morgens in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Welche Krankheit wurde ihr vorgeworfen, welche Behörde führte das Verfahren? Aus literarischen und dokumentarischen Textfragmenten entsteht die Geschichte von Elly M., einer ehemaligen Lehrerin aus Regensburg. In der albtraumhaften Klinik verschwimmen die Grenzen von krank und gesund, Schuld und Unschuld, Fiktion und Realität.
Ausstattung
Susanne Scheerer
Dramaturgie
Christine Milz, Tobias Staab
Musik
Ludwig Berger
Licht
Christian Schweig
Regieassistenz
Franziska Lutz
Mitwirkende
Bastian Beyer, Barbara Dussler, Jonas Grundner-Culemann, Christopher Heisler, Caroline Tyka
Spieldauer
70 Minuten

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© Federico Pedrotti

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