Juryurteil: “Put down this wild track, would you?” aus Salzburg

Zwischen fast nichts und nichts

Rascheln, rühren, drehen – wie Jana Vetten in ihrer Inszenierung mit Geräuschen arbeitet, hat Karl Baratta in einer solchen Feinheit noch nicht gesehen. Obwohl eigentlich nichts wirklich auf der Bühne passiert, hält das Stück ihn bei der Stange – warum vermag Baratta nicht zu enträtseln.

Matthias Quabbe hingegen bemängelt die sehr konkreten Texte. Ließ das Stück zu Beginn noch durch seinen atmosphärischen Zauber Raum für eigene Phantasie, führt das Stück letztendlich ganz woanders hin. Für Matthias Quabbe wurde so das Potential des Anfangs nicht ausgeschöpft, während Karl Baratta urteilt: “Ein sehr beachtliches Stück!”


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Jana Vetten vom Mozarteum Salzburg im Interview

Koerber Studio Junge Regie 2014

 Der Rhythmus entscheidet

Für Jana Vetten steht Teamwork im Mittelpunkt. Beim Festival gefällt ihr besonders der Austausch mit den zukünftigen Kollegen, dabei darf ruhig auch kritisiert werden.

Liebe Jana, Du bist mit deiner Inszenierung vom Mozarteum hier direkt ins kalte Wasser gesprungen: Aufführung am ersten Tag, zudem noch als Ersatz für den entfallenden Beitrag aus Essen. Wie war das für dich?

Es war natürlich extrem aufregend. Als die Nachricht kam, dass ich einspringen sollte, war ich hoch erfreut und gleichzeitig begann direkt der Stress alles auf die schnelle noch vorzubereiten, zu proben und alles zu organisieren. Der Vorteil war, dass ich im Prinzip keine Zeit hatte großartig nervös zu werden.

Wie erlebst du diesen Festival-Alltag? Kannst du an Tag vier schon deine Eindrücke zusammenfassen?

Austausch ist teilweise etwas schwierig, man merkt manchen Leuten schon an, dass hier ein Wettbewerb stattfindet. Allerdings beurteile ich persönlich die täglichen Tischgespräche als sehr bereichernd und erfrischend. Kollegen sprechen mit dir über deine Arbeit, dein Stück, was es bei ihnen bewirkt hat, und es werden Sachen hinterfragt. Für den eigenen künstlerischen Prozess von immenser Wichtigkeit.

Ist es tatsächlich so, dass man dadurch die eigene initiatorische Handschrift nochmal überdenken kann?

In meinem Fall trifft dies zu, ja. Speziell weil es noch nicht in dem klassischen Sinne nach meinem Anspruch fertig war, aber ich habe die Herausforderung gerne angenommen, als Ersatz für die Kollegen aus dem Ruhrgebiet einzuspringen. Wir haben drei Wochen geprobt, und die Gewissheit mit mehr Zeit im Rücken die Arbeit auf eine nächste Ebene zu heben, beruhigt mich und macht mir Mut und Lust auf mehr.

Wie groß ist der Druck für einen selbst? Es sitzen hier Intendanten im Publikum, man steht unter Beobachtung und öffnet sich ja auch einem Markt.

Den Markt gibt es natürlich. Allerdings weiß ich nicht genau, ob gerade hier der Platz ist, an dem man sich dem Markt öffnet. Ich habe da keine Erfahrungswerte.

Hat man das denn nicht automatisch im Hinterkopf, dass ein Haus auf einen zukommen könnte und dem eigenen Stück dann das Vertrauen schenkt und ausspricht?

Also ich hatte das nicht, mir fehlte dazu einfach die Zeit mich mit solchen Dingen zu beschäftigen.

Salzburg, Mozarteum: was mich immer an Salzburg fasziniert, ist die tiefe Durchdringung die diese Stadt bietet. Man steigt ins Taxi und der Fahrer kann einem zu jedem Stück aus erster Hand berichten, da er es selber gesehen hat. Diese Stadt lebt Kultur einfach. Wie ist dein Eindruck?

Ich glaube das ist etwas typisches für Österreich.

Das Festival hier heißt ja Körber Junge Regie. Jung ist ja oft  konturiert: frisch, mutig, experimentell. Wie geht man mit dieser gewissen Erwartungshaltung um?

Explizit habe ich mich mit dem Adjektiv jung im Zusammenhang mit diesem Festival nicht beschäftigt, sondern eher was meine persönliche Ausdrucksform ist.

Wie gehst du vor, wenn du dir einen Stoff erarbeitest?

Das ist total unterschiedlich. Diese Inszeniereung war komplett frei – in solchen Situationen gehe nach dem Lustprizip vor. Es geht mir weniger darum die Frage zu klären, was ich erzählen möchte, sondern eher was ich herausfinden kann.

Inwieweit ist Musik dein Inspirationsfeld?

Wenn ich Texte lese, denke ich eher in Rythmen, also im Ductus der Sprache. Bei der Erarbeitung des Stoffes zu meiner aktuellen Arbeit geschah vieles im Teamwork. Bei meinem Bluesstück zum Beispiel war die Arbeitsweise völlig eigen und abwechslungsreich.

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Kritik: Vettens “Put down this wild track, would you?” schlägt die leisen Töne an

© Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Weniger ist mehr, oder?

Zunächst einmal muss man Jana Vetten ein gewisses Maß an Mut zusprechen, weil sie so kurzfristig als Ersatz für die Aufführung aus Essen angetreten ist. Ihr Stück “Put down this wild track, would you?” überraschte mit Minimalismus auf jeder Ebene. Ob es eine gute Überraschung war, muss das Publikum entscheiden.

Gesprochen wurde wenig, gesungen ein bisschen und Bewegung konnte man fast nur im Kleinen wahrnehmen. Passend zum Auftritt der Schauspieler war das Bühnenbild gelungen zurückhaltend. Die dunkle Straßenszene, die durch ein Dreieck und Laternen herbeigeführt wurde, vermittelte den Eindruck einer verwaisten Nacht. Nebeneinander beichten die drei Schauspieler ihre Gedanken. Wir hörten von einer Frau, dass sie sich in die Farbe Blau verliebt hat. Ein Musiker erzählte davon wie jemand auf seiner Gitarre das Spielen gelernt hat. Der Dritte litt noch immer unter dem Selbstmord eines Freundes.

Selten gab es Momente in denen sich die Erzählstränge annäherten. So hörte man leises Atmen von der Frau, das zunächst zusammenhangslos ins Mikrofon floß. Doch dann, als ein anderer Schauspieler vom Erstickungstod seines Freundes erzählte, wurde aus dem Atmen ein Stöhnen und aus dem Stöhnen ein Röcheln. In diesem kurzen Augenblick partizipierten die zwei Schauspieler von derselben Geschichte. Da keimte kurz die Hoffnung bei mir, dass es hier doch noch eine gemeinsame Handlung geben könnte. Zum Großteil jedoch wurden die drei Erlebnisse parallel und unabhängig voneinander dargeboten. Es schien alles gut durchdacht und die Schauspieler brachten das Wenige, dass Jana Vetten ihnen mitgegeben hat, gut auf den Punkt – aber es entstanden auch viele langatmige Pausen, die es bei nur 40 Minuten Spielzeit nicht hätte geben müssen.

Szene aus "“Put down this wild track, would you?” (Jana Vetten) Foto: © Krafft Angerer

@ Krafft Angerer

Szene aus "“Put down this wild track, would you?” (Jana Vetten) Foto: © Krafft Angerer

@ Krafft Angerer

Szene aus "“Put down this wild track, would you?” (Jana Vetten) Foto: © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Szene aus "“Put down this wild track, would you?” (Jana Vetten) Foto: © Krafft Angerer

@ Krafft Angerer

Szene aus "“Put down this wild track, would you?” (Jana Vetten) Foto: © Krafft Angerer

@ Krafft Angerer

Auch wenn nur wenig gesagt wurde, war doch ständig etwas zu hören. Körner fallen auf den Boden, Plastik wird zerknittert, Luftschlangen, die zu Boden fallen. Das ergab eine sehr stimmige und interessante Geräuschkulisse, die vom Zuschauer aber auch viel Geduld forderte. Jana Vetten verlangte – sicherlich in voller Absicht – die absolute Konzentration des Publikums. Denn so fein wie die Geräusche, waren oft auch die Mimiken und Gestiken.

Nur, wer wirklich aufgepasst hat, konnte das ganze Spektrum dieser minimalistischen Darbietung erfassen. Das vorauszusetzen kann mutig sein. Es kann aber auch dazu führen, dass – trotz des ordentlichen Applauses – nur Wenige ihren Stimmzettel in die weiße Box im Foyer geschmissen haben.

Live-Kritik: “Put down this wild track, would you?” aus Salzburg

Pssst, nicht so laut

Unmittelbar nach Ende der Aufführung stellen wir uns vor die Kamera und kommentieren das Gesehene. Subjektiv, meinungsstark und ohne Tabus.

Angela Ölscher hat sich “Put down this wild track, would you?” aus Salzburg angesehen. Regisseurin Jana Vetten vom Mozarteum kam erst als Nachzügler in der Wettbewerb. Ihre Inszenierung überraschte mit Minimalismus auf jeder Ebene. Ob es eine gute Überraschung war, muss das Publikum entscheiden.

Kommentar: Angela Ölscher
Kamera und Schnitt: Christoph Brüggemeier

Die Regisseurin aus Salzburg

Jana Vetten

Mozarteum

Jana Vetten

Jana Vetten ist 1989 in Henstedt-Ulzburg geboren und in Bamberg aufgewachsen. Nach dem Abitur arbeitete sie als Regieassistentin am Stadttheater Bamberg und am Düsseldorfer Schauspielhaus. 2011 nahm sie ihr Regiestudium am Mozarteum Salzburg auf. Das Wintersemester 2013/2014 verbrachte sie in Norwegen an der Theatre Academy Fredrikstad.

 

 

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Donnerstag, 22. Mai 2014, 21.00 Uhr – Aufführung aus Salzburg

Put down this wild track, would you?

Regisseurin
Jana Vetten
Institution
Universität Mozarteum Salzburg
Zum Stück
„My blue thoughts. Blue pants. Blueberries“. Eine Frau fängt nach einer gescheiterten Beziehung an, alles zu sammeln, was blau ist. Ein junger Mann geht mit dem Tod seines besten Freundes um. Ein anderer junger Mann erzählt von der Gitarre, auf der er spielen gelernt hat, Blues natürlich. Drei Menschen stehen auf der Bühne mit ihren Geschichten, verbunden durch etwas, was nicht nur eine Musikrichtung ist, sondern ein Lebensgefühl. „Ich geh die Straße lang / Da läuft n Typ im selben Schritt / Ich sag wer bistn Du /  Er sagt Ich bin der Blues“ (Freygang live in Ketzin am 16.08.1983)
Ausstattung
Eugenia Leis
Mitwirkende
Sofia Papanikandrou, Justus Wilcken, Niklas Maienschein
Spieldauer
40 Minuten

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