Juryurteil: “Die Affäre Rue de Lourcine” aus Wien

Es bleibt ein Oberflächenkonstrukt

In Nicolas Charaux‘ Bühnenbild gibt es das Oberirdische und das Unterirdische. Immer wieder tauchen die Figuren in das Unterirdische ab, erscheinen wieder im Oberirdischen. Es geht darum, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Hierbei vermisste Matthias Quabbe die Nuancen im Spiel. Die Abgründe werden, so Quabbe, nur im Setting sichtbar, in den Figuren rücken sie nicht weit genug nach vorne. “Es fehlt die Schärfe”, ergänzt Barbara Engelhardt.

Sehr beeindruckt war Michael Quabbe jedoch, als auf Bühne ein schwarzer Luftballon hin und her geworfen wurde – hier setzte Gravitation aus – ein Motiv, das sich Quabbe durchaus mehr in der Arbeit gewünscht hätte.


Kamera: David Pechmann
Schnitt, Technik, Redaktion: Christoph Brüggemeier

Kritik: “Die Affäre Rue de Lourcine” vom Max Reinhardt Seminar Wien

Szene aus "Die Affäre Rue de Lourcine" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Bürgerlicher Wahnsinn

Mit dem ständigen Wechsel zwischen düsterer Atmosphäre und Situationskomik zeigt Nicolas Charaux den schmalen Grad zwischen gut und böse. Bei der Wiener Inszenierung fügen sich großartige Schauspieler und ein durchdachtes Bühnenbild in perfektem Timing zusammen.

In der Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugéne Labiche erwacht der gutbetuchte Lenglumé nach durchzechter Nacht neben seinem Sauf- und Schulkameraden Mistingue. Beim Katerfrühstück erfahren beide aus der Zeitung, dass vergangene Nacht eine junge Kohleschlepperin ermordet worden sei. Die an ihrer Kleidung gefundenen Andenken wie zum Beispiel eine Haarlocke oder Kohlebrocken, bringt das ungleiche Paar zu der Erkenntnis, dass sie in ihrem Rausch dem Mädchen den Gar ausgemacht haben. Mit schleichender Panik versuchen Lenglumé und Mistingue ihren Hals zu retten und das mit allen Mitteln.

Irre. Nicolas Charaux Interpretation von Labiches Fingerzeig der gesellschaftlichen Doppelmoral ist ein theatralischer Genus aus schrillem Klamauk, präzisem schauspielerischen Timing und einer zunehmend düsteren Atmosphäre, sodass man erschauern muss. Das Wahnhafte dieses Stücks zeigt sich besonders gut in der Doppelrolle Butler und Vetter. In einer Szene kombiniert der Schauspieler sogar Habitus und Kostüm beider Charaktere.

Das Übertünchen peinlicher oder gar gefährlicher Momente zwischen den Figuren, wird immer wieder mit Slapstickelementen hervorgehoben, was im Publikum für manch einen unangebrachten Gluckser sorgt. Intrige und Mord kann so witzig sein. Die Erkenntnis, dass das karikaturartige der Charaktere für den Kontrast von Schein und Sein unverzichtbar anstatt überflüssig ist, keimt spätestens zur Frühstücksszene auf. Auch wird mit symbolischen Elementen gearbeitet, wie zum Beispiel dieses eindrucksvolle Bild: Repräsentativ für die raumeinnehmende, alptraumhafte Verzweiflung dient im zweiten Drittel ein mannshoher bleifarbener Ballon, den sich die Mordbuben wie ein schwebendes Damoklesschwert gegenseitig zuwerfen.

Das schauspielerische Handwerk ist ein wahrer Augenschmaus. Treffsicher werden Spielangebote und Brüche umgesetzt. Jeder der vier ach so verschiedenen Schauspieler verleiht seiner/n Rolle(n) unikale Charakterzüge, die zusammen wie ein Orchester den idealen Klang erzeugen. Ihr Dirigent muss wohl mit eiserner Hand vorgegangen sein.

Nicht nur das Geschehen auf der Bühne, sondern das Konstrukt selbst zeugt vom Maximalprinzip. Die Fläche umfasst sechs mal sieben Meter und ragt nochmal circa anderthalb Meter in die Höhe. Jeder Kubikmeter wird genutzt. Das Innere enthält ein Requisiten- und Umkleideraum, als auch eine Kammer für den Musiker, der à la Stephen Spielbergs „Der weiße Hai“ mit verschiedenen Instrumenten die szenische Atmosphäre intensiviert. Vier in die Bühne eingebettete Klappluken dienen als Verbindung in das Innere.

Nikolas und sein Team haben ein so vielseitiges Erlebnis hervorgebracht, das einmaliges Betrachten nicht ausreicht. Es ist grotesk, rasant, manchmal subtil, humorvoll, grausam und mit einer Liebe zum Detail versehen, dass man auf Repeat drücken möchte um dem vollen Ausmaß gewahr zu werden.

Live-Kritik: “Die Affäre Rue de Lourcine” aus Wien offenbart die dunkle Seite in jedem Menschen

Gänsehaut und Slapstick

Auch gutbetuchte Bürger können zu verbrecherischen Menschen werden. Regisseur Nicolas Charaux zeigt in “Die Affäre Rue de Lourcine” wie erschreckend schnell dieser Wandel gehen kann. Die düster-beklemmende Atmosphäre hat auch Kulturjournalist Philip Grüneisen in ihren Bann gezogen.

Kommentar: Philip Grüneisen
Kamera: Angela Ölscher
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Nicolas Charaux vom Max Reinhardt Seminar in Wien im Interview

Banner Nicolas Charaux

Die Partitur-Hölle

Es wird düster und ungemütlich bei “Die Affäre Rue de Lourcine”. Im Interview erklärt Nicolas Charaux aus Wien, wie er die Finsternis und Abgründigkeit des Menschen inszeniert – als Komödie.

“Die Affäre Rue de Lourcine”, Sonntag, 25. Mai, 19.00 Uhr

Du kommst vom Max Reinhardt Seminar in Wien. Welche Erwartungen hast Du an ein Theaterfestival in Deutschland?

Ich möchte vor allem eine breitere Öffentlichkeit erreichen, weil ich mich bis jetzt nur der Theaterwelt in Wien zeigen konnte. Natürlich ist es auch interessant zu sehen, was andere Regiestudenten auf die Beine stellen.

Dabei bist Du mit der Komödie “Die Affäre Rue de Lourcine” von Labiche vertreten. Wovon handelt das Stück?

Von zwei Bürgern, die denken, dass sie jemanden umgebracht haben. Bei dem Versuch, ihre vermeintliche Straftat zu verdecken, schrecken sie nicht mal mehr vor Mord zurück. Das Stück beschreibt einen sehr derben und drastischen Handlungsverlauf.

Was hat Dich daran besonders gereizt?

Die Frage, wie man reagiert, wenn man mit einem Teil in sich konfrontiert wird, den man so nicht kennt. Wie geht man mit seiner eigenen Finsternis, seiner eigenen Abgründigkeit um? Was können Ängste bei Menschen bewirken? Ich hatte schon Szenerien à la Hitchcock im Kopf. Wir haben dann aber im Laufe der Zeit gemerkt, dass die Partitur der Komödie zuerst erfüllt werden muss, bevor ich die unheimliche Facette dieses Stückes platzieren konnte.

Wie bist du damit umgegangen?

Es war extrem harte Arbeit, diese Komödie umzusetzen. Man muss exakt erfüllen, was der Autor sich mit seiner Figurenkonstellationen, seinen Auftritten und Abgängen gedacht hat, sonst funktioniert das Stück nicht.

Szenenbilder aus Die Affäre Rue de Lourcine

Haben in der Arbeit choreographische Elemente eine Rolle gespielt?

Man müsste definieren, was in der Theaterarbeit „choreographisch“ heißt. In meiner Arbeit achte ich bei den Schauspielern sehr darauf, dass ihre Körper sprechen. Bei diesem Stück und seiner strengen Partitur konnte ich die Körper allerdings nicht frei bewegen und musste die Temperamente der Schauspieler den Figuren anpassen. Wenn da einer nicht den Drang hat, laut zu sein oder zu stören, das aber für die Szene wichtig ist, geht das nicht.

Was hat das für Deine Arbeit als Regisseur bedeutet?

Ich musste sehr handwerklich vorgehen. Es ging vor allem um Timing. Das war wirklich anstrengend, da ich meine Schauspieler eigentlich immer sehr frei agieren lasse. Im Grunde musste ich als Regisseur alles bestimmen. Das war keine leichte Sache – weder für mich noch für die Schauspieler. Doch es war wichtig zu sehen, dass auch diese Arbeitsweise für uns möglich ist. Und ich denke, wir haben es erfolgreich gemeistert.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.

Der Regisseur aus Wien

Portraitfoto Nicolas Charaux

Nicolas Charaux

Eigentlich lässt Nicolas seine Schauspieler sonst immer recht frei frei agieren. Doch bei der “Affäre Rue de Lourcine” musste er als Regisseur alles selbst bestimmen. Damit das Stück von Eugene Labiche funktioniert musste das Timing stimmen, die Schauspieler mussten exakt nach den Charakterzügen der Figuren ausgewählt werden, die Figurenkonstellationen mussten genau nach den Vorgaben des Autors erfolgen. Harte Arbeit also – und viel Handwerk, das der 32-Jährige Franzose von der Pike auf gelernt hat. Neben einem Studium der Literaturwissenschaften absolvierte er eine Schauspielausbildung. Nun studiert Nicolas seit 2010 Regie am Max Reinhardt Seminar in Wien und arbeitet parallel bereits als freier Regisseur.

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Sonntag, 25. Mai, 19.00 Uhr – Aufführung aus Wien

Die Affäre Rue de Lourcine

Autoren
Eugène Labiche Deutsch, Elfriede Jelinek
Regisseur
Nicolas Charaux
Institution
Universität für Musik und darstellende Kunst, Max Reinhardt Seminar Wien
Zum Stück
Nach einer durchzechten Nacht stehen der bürgerliche Lenglumé und sein ehemaliger Schulfreund Mistingue vor einer unfassbaren Situation: Alle Indizien weisen darauf hin, dass sie im Rausch einen Mord begangen haben. Die Auslöschung der Erinnerung durch den Alkohol und die Entdeckung des Bösen in sich selbst wirft existentielle Fragen auf. Doch weniger als das Leid ihres Opfers quälen die beiden Sorgen um ihr gesellschaftliches Ansehen. Die Inszenierung zeigt mit komischer Leichtigkeit die Abgründe und geheimen Träume, die hinter der ehrenwerten Fassade lauerten. Die Fassade der Figuren erleidet Risse, die den Blick auf tiefsitzende Ängste freilegen. In jeder Figur steckt Mordlust, die in einer alptraumhaften Entwicklung ausgelebt werden kann.
Kostüme & Bühne
Pia Greven
Assistenz
David Stöhr
Musiker
Bernhard Eder
Mitwirkende
Silas Breiding, Okan Cömert, Marie Stockinger, Samouil Stoyanov
Spieldauer
 70 Minuten

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