Kritik: “Die Affäre Rue de Lourcine” vom Max Reinhardt Seminar Wien

Szene aus "Die Affäre Rue de Lourcine" | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Bürgerlicher Wahnsinn

Mit dem ständigen Wechsel zwischen düsterer Atmosphäre und Situationskomik zeigt Nicolas Charaux den schmalen Grad zwischen gut und böse. Bei der Wiener Inszenierung fügen sich großartige Schauspieler und ein durchdachtes Bühnenbild in perfektem Timing zusammen.

In der Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugéne Labiche erwacht der gutbetuchte Lenglumé nach durchzechter Nacht neben seinem Sauf- und Schulkameraden Mistingue. Beim Katerfrühstück erfahren beide aus der Zeitung, dass vergangene Nacht eine junge Kohleschlepperin ermordet worden sei. Die an ihrer Kleidung gefundenen Andenken wie zum Beispiel eine Haarlocke oder Kohlebrocken, bringt das ungleiche Paar zu der Erkenntnis, dass sie in ihrem Rausch dem Mädchen den Gar ausgemacht haben. Mit schleichender Panik versuchen Lenglumé und Mistingue ihren Hals zu retten und das mit allen Mitteln.

Irre. Nicolas Charaux Interpretation von Labiches Fingerzeig der gesellschaftlichen Doppelmoral ist ein theatralischer Genus aus schrillem Klamauk, präzisem schauspielerischen Timing und einer zunehmend düsteren Atmosphäre, sodass man erschauern muss. Das Wahnhafte dieses Stücks zeigt sich besonders gut in der Doppelrolle Butler und Vetter. In einer Szene kombiniert der Schauspieler sogar Habitus und Kostüm beider Charaktere.

Das Übertünchen peinlicher oder gar gefährlicher Momente zwischen den Figuren, wird immer wieder mit Slapstickelementen hervorgehoben, was im Publikum für manch einen unangebrachten Gluckser sorgt. Intrige und Mord kann so witzig sein. Die Erkenntnis, dass das karikaturartige der Charaktere für den Kontrast von Schein und Sein unverzichtbar anstatt überflüssig ist, keimt spätestens zur Frühstücksszene auf. Auch wird mit symbolischen Elementen gearbeitet, wie zum Beispiel dieses eindrucksvolle Bild: Repräsentativ für die raumeinnehmende, alptraumhafte Verzweiflung dient im zweiten Drittel ein mannshoher bleifarbener Ballon, den sich die Mordbuben wie ein schwebendes Damoklesschwert gegenseitig zuwerfen.

Das schauspielerische Handwerk ist ein wahrer Augenschmaus. Treffsicher werden Spielangebote und Brüche umgesetzt. Jeder der vier ach so verschiedenen Schauspieler verleiht seiner/n Rolle(n) unikale Charakterzüge, die zusammen wie ein Orchester den idealen Klang erzeugen. Ihr Dirigent muss wohl mit eiserner Hand vorgegangen sein.

Nicht nur das Geschehen auf der Bühne, sondern das Konstrukt selbst zeugt vom Maximalprinzip. Die Fläche umfasst sechs mal sieben Meter und ragt nochmal circa anderthalb Meter in die Höhe. Jeder Kubikmeter wird genutzt. Das Innere enthält ein Requisiten- und Umkleideraum, als auch eine Kammer für den Musiker, der à la Stephen Spielbergs „Der weiße Hai“ mit verschiedenen Instrumenten die szenische Atmosphäre intensiviert. Vier in die Bühne eingebettete Klappluken dienen als Verbindung in das Innere.

Nikolas und sein Team haben ein so vielseitiges Erlebnis hervorgebracht, das einmaliges Betrachten nicht ausreicht. Es ist grotesk, rasant, manchmal subtil, humorvoll, grausam und mit einer Liebe zum Detail versehen, dass man auf Repeat drücken möchte um dem vollen Ausmaß gewahr zu werden.