Kritik: Florian Fischer erzählt düster und beklemmend “Der Fall M. – eine Psychiatriegeschichte”

Szene aus "Der Fall M." | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Alle(s) gaga?

Der diesjährige Beitrag der Otto-Falckenberg-Schule in München hüllt den Samstagabend in albtraumhafte Enge und sorgt für rätselnde, erschöpfte Zuschauer. Im positiven Sinne.

So genau weiß Elly M. nicht was gerade mit ihr geschieht. Was stimmt nicht mit ihr, ist sie wahnsinnig? Was wird ihr konkret zur Last gelegt? Die Grundschullehrerin Elisabeth Maldaque aus Regensburg wird Anfang des Jahres 1930 in ein Sanatorium eingewiesen. Wenige Tage danach ist sie tot.

Ödon von Horváths Stoff aus “Der Fall M. – eine Psychiatriegeschichte”, Franz Kafkas “Der Prozess” und nicht zuletzt das Schicksal des Gustl Mollath liefern thematische Vorlagen zu diesem mitreißenden Theaterstück.

Was ist Recht? Wer hat zu befinden was rechtens und gesund ist?

Nur zwei Fragen, welche Regisseur Florian Fischer mit seiner universitären Abschlussarbeit “Der Fall M. – eine Psychiatriegeschichte” bei dem diesjährigen Körber Studio Junge Regie Festival 2014 sich und somit die gesamte Zuschauerschaft mahnend fragt. Ich finde mich von Anfang an in einen düsteren Bann gezogen, der sich auch erst mit dem Abschlussapplaus zu lösen beginnt.

Fischer versteht es geschickt, einem die Enge einer Pflegeanstalt auf mannigfaltigste Art aufzuzwingen. So ist das Publikum anfangs einem aus der Kulisse strahlenden, weiß-bläulichem Licht ausgesetzt und wird beinahe belästigt. Zusätzliche Soundeffekte, in jenem Fall eine Art elektronisches Störgeräusch und Fiepen, unterstützen das gesamte Stück und hüllen es, zusätzlich zur ohnehin schon bedrückenden Handlung, in ein beklemmend düsteres Gewand.

Die erste Hälfte des Stückes gehört Elly M. Sie muss sich den Anschuldigungen vierer Ärzte stellen: sie sei verrückt. Sie möchte das Krankenhaus verlassen, was ihr verwehrt wird. Fischers geschickter Bühnenaufbau, eine aus zerfledderten Kartons bestehende Kulisse, begrenzt den Spielraum und scheint auch die Sitzplätze einfangen zu wollen. Man ist in dem Stück, in der Szenerie, wie in einem bösen Traum, gefangen.

Schauspielerisch beachtlich umgesetzt, wobei hier Christopher Heisler, Alumni in spe der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin, welcher in der zweiten Hälfte des Stückes als ein männlicher M. die Szenerie betritt, deutlich hervorzuheben ist. Ihm nimmt man das ‘Unnormale’ einfach ab. Im positiven Sinne. Seine Verkörperung des, anscheinend, geistig verwirrten und akribisch, pedantischen M., eine Rolle angelegt an den bekannten Fall des Gustl Mollath, setzt hohe Maßstäbe und ist mit ein Grund für das ansprechende Gesamtbild dieser Aufführung.

Leider scheint der Zuschauer teilweise durch die immense Flut an Thematiken und vermeintlicher Motiven überfordert: es würde beinahe für drei Arbeiten des selben Umfangs reichen.

Wer ist M.?

Du? Ich? Vielleicht ja wir alle?

Diese Fragen bleiben bestehen, auch nach Ende des Stückes.

Im positiven Sinne.