Live-Kritik: “Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs” aus Zürich

Eine absurde Komödie

Schon der Titel zu Timo Krstins Inszenierung ist ungewöhnlich. Der Zürcher Regisseur hat Bela Lugosi, Mina Murray, Michael Schumacher und dessen heimliche Schwester auf eine wirre, bunte Suche nach Steve Jobs geschickt, der nicht verstorben ist, sondern im Baikalsee die kapitalistische Weltrevolution plant. Zwischendurch wird noch gegen das Stadttheater aufgehetzt und Operngesang eingebracht. Die herausragende schauspielerische Leistung verknüpft alle losen Szenen zu einem amüsanten Theaterabend.

Kommentar: Madleen Schröder
Kamera: Angela Ölscher
Schnitt: Christoph Brüggemeier

Kritik: “Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs” aus Zürich

Szene aus der Zürcher Inszenierung | © Krafft Angerer

© Krafft Angerer

Verstrickt – in Handlung und Damenstrümpfen

So verrückt der Titel zu Timo Krstins Inszenierung, so absurd war auch die Handlung. Ein großes Durcheinander mit viel Charme und Witz. Früher oder später hat man aber den Faden verloren zwischen fiktiven Ideen und Einflüssen aus dem aktuellen Weltgeschehen. Lacher gab es dennoch.

Eigentlich wollte der Autor “K.” eine Geschichte über die mysteriöse Versenkung des U-Boots Kursk im Baikalsee schreiben. Dort soll Steve Jobs, der in Wahrheit gar nicht verstorben ist, die kapitalistische Weltrevolution anzetteln. Das klingt absurd? Ist es auch. Dafür aber irre komisch. Das Problem ist nur, dass K. unter einer verheerenden Schreibblockade leidet. Statt sich auf den ursprünglichen Plot zu konzentrieren, schreibt und streicht einfach drauf los. Daraus entsteht eine Komödie voller Absurditäten, wie beispielsweise Oliver Kalkofes Film „Der Wixxer“. Verrückte Begegnungen, durchgeknallte Charaktere, ein wenig Krimi.

K. lässt seinen Gedanken freien Lauf, wodurch sogar sein Kindheitsheld Bela Lugosi plötzlich auftaucht. Als Vampir mit einem Spleen für Damenstrümpfe, verheddert dieser sich permanent in seinen Fetisch-Söckchen. Als wäre dieses Durcheinander noch nicht wirr genug, interagiert der Autor sogar mit seinen eigenen Charakteren und wird Teil seiner eigenen Geschichte. Mina Murray (bekannt aus “Dracula”) verdreht ihm als scharfe Kneipenbesitzerin den Kopf.

Aber auch das Alles schien Regisseur Timo Krstin noch nicht genug. Also bringt er noch Personen aus dem aktuellen Zeitgeschehen mit ein. So ist plötzlich Michael Schumacher wieder aus dem Koma erwacht und treibt auf der Bühne sein Unwesen.

Als einer der Höhepunkte des Stücks gibt es eine flammende Rede zum Niedergang des Stadttheaters: Sie bezahlen zu wenig, sind kapitalistisch und ausbeuterisch – niemand sollte sich dem beugen. Für diese minutenlange Hetzrede mit dramatischer Hintergrundmusik, gab es tosenden Applaus von den jungen Kulturschaffenden. Leider verliert sich die Ernsthaftigkeit dieser Ansprache etwas in Krstins verrückter Erzählung.

Zum Ende hin, auf dem Gipfel von K.’s Verzweiflung, übernehmen seine fiktiven Charaktere selbst die Handlung. Ein schönes Symbol für die Ko-Abhängigkeit von Künstler und Kunst. Wir dürfen sogar noch gelungenem Operngesang lauschen – live. Was genau der da zu suchen hatte, hinterfragen wir aber schon gar nicht mehr.

Es ist vor allem den großartigen Schauspielern zu verdanken, die diesen Abend so erfolgreich gemacht haben. Ihre durch die Reihe überzeugende Darstellung hat einen trotz der chaotischen Handlung gefesselt. Wir hatten unseren Spaß.

 

Timo Krstin von der Zürcher Hochschule der Künste im Interview

Banner Timo Krstin

Schrille Politik

Bei Timo Kristins Inszenierung gleicht keine Aufführung der anderen. Inhalt und Form eines jeden Abends bestimmt die aktuelle Nachrichtenlage. Im Interview verrät der 34-jährige Tausendsassa was ihn an dieser zufallsbedingten Erzählweise reizt.

“Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs”, Montag, 26. Mai, 20.00 Uhr

Du bringst ein eigenes Stück zum Festival mit: “Die Versenkung des Atom-U-Boots Kursk durch den Feigling Steven Jobs” – ziemlich verrückter Titel. Worum geht es?

Das lässt sich auf inhaltlicher Ebene nicht so einfach sagen, da sich das Stück am Zeitgeschehen orientiert und sich somit ständig verändert. Die Figuren sind aber grundsätzlich auf der Suche nach  der Wahrheit hinter etwas, das gerade aktuell ist. Kern des Stückes ist dabei letztlich die Frage, inwieweit ich über einen politischen Skandal auf der Theaterbühne erzählen kann. Und inwieweit ich mich dabei um Authentizität bemühen muss.

Es gibt also keinen festen Handlungsstrang in Deinem Stück?

Doch, den gibt es. Jeder Schauspieler hat seine Grundfigur und diese trägt von Beginn an den Anspruch, auch eine Geschichte zu erzählen. Nur wofür und worum die Figuren kämpfen, ist bei jeder Aufführung wieder neu. Bei unserer letzten Aufführung waren beispielsweise parallel die Winterspiele in Sotschi – das hat perfekt hingehauen. Und für das Körber Studio muss wieder etwas anderes gefunden werden, aber das liegt ja recht offensichtlich auf der Straße.

Die Erzählweise des Stücks ist damit sehr zufallsbedingt – was reizt Dich daran?

Das hat mit den Recherchemethoden in der Mediengesellschaft zu tun. Wenn ich heute versuche mich über die Ukraine zu informieren, komme ich im Internet, egal, wohin ich gehe, immer auf Texte, die wieder auf andere Texte verweisen. Alles ist voller Hyperlinks – man fühlt sich fast wie in einem kafkaesken Labyrinth und am Ende liest man einen Artikel über das Aussterben der prähistorischen Riesen-Laufvögel in Neuseeland. Man hat also eigentlich ein klares Ziel vor Augen, doch es wird einem schwergemacht, sich zu fokussieren, sich durch das Netzwerk durchzulavieren. So geht es auch den Figuren im Stück. Unsere Arbeit ist letztlich der Versuch, eine solche Hyperlink-Recherche als Theaterstück zu schreiben.

Szenenbild aus Die Versenkung des Atom-U-Boots

Szenenbild aus Die Versenkung des Atom-U-Boots

Darf man sich auf eine mediale Performance einstellen?

Nein. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, mit neuen Medien auf der Bühne zu arbeiten. Wir sind auf der Textebene geblieben. Es soll nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Internet gehen, sondern um eine hyperverlinkte Sprache, die von einem Wort ins nächste kommt.

Gibt es choreographische und musikalische Elemente?

Ja, beides, aber auch diese sind in ihrer Darbietung themenabhängig. Es gab schon eine Kampf-Choreographie mit griechischen Einflüssen, im Falle von Sotschi eine Fetisch-Choreographie und auch unsere Musikerin und ihr Instrument variieren. Einmal hatten wir sogar ein ganzes Orchester dabei!
Wir freuen uns daher schon sehr auf das Körber Studio, denn jede Aufführung bedeutet für uns eine neue Entwicklung.

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Ursprünglich ist dieses Interview im Fall-Magazin erschienen. Eine gedruckte Ausgabe der Interviews ist auf dem Festivalgelände erhältlich.